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Die Vagina-Krise – Von der Normierung der Weiblichkeit

Langsam wird mir angst und bange. Warum? Wegen der Ukraine-Krise? Wegen der Euro-Krise? Wegen der Lust-Krise in deutschen Schlafzimmern? Ja. Ja. Ja. Aber da gibt es noch etwas anderes und das hängt direkt mit der Lust-Krise zusammen. Es ist die Vagina-Krise. Hochgezogene Augenbrauen? Vagina-Krise? Was soll das denn schon wieder sein? Als Vagina-Krise bezeichne ich die zunehmende Zahl an Operationen rund um das weibliche Genital. Das sehen die Chirurgen, die sich in Deutschland an den rund 5000 Operationen pro Jahr eine goldene Nase verdienen, natürlich anders. Für die tut sich gerade ein enormes Geschäftsfeld auf. Verkürzung der inneren Schamlippen, Aufspritzen des G-Punktes mit Hyaluronsäure, Verengung der Vagina, Wiederherstellung der Jungfräulichkeit und seit Neuestem kommt noch die Verkleinerung des Venushügels dazu. Auch Männer entscheiden sich für eine chirurgische Veränderung ihres Heiligtums, sind mit 30,9% allerdings deutlich in der Minderheit. Die Hälfte der Patienten sind Singles im Durchschnittsalter von 31,3 Jahren. Das ergab jüngst eine Befragung durch die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie. Ein angepasstes Genital als Garant für ein besseres Lebensgefühl.

Wir kommen dem Barbie-Ideal immer näher

Her also mit der Einheits-Vagina. Wer von der Norm abweicht, wird aus dem Bett geworfen. In Brasilien zum Beispiel herrschen bereits ein so mächtiger Körperkult und Jugendwahn, dass sich dem kaum noch jemand entziehen kann. Fitness bis zum Umfallen und OPs, bis die Bank das Haus pfändet. Sind wir hier auch schon so oberflächlich geworden und haben nur noch so wenig eigenes Selbstbewusstsein? Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis wir die Vulva einfach komplett zunähen. Dann gibt es keine Abweichungen mehr von der Norm und alles ist schön glatt und hübsch. Aber Moment mal, das gibt es ja schon! Weibliche Genitalverstümmelung nennen wir das, was jedes Jahr aufs Neue ca. 3 Millionen afrikanische Mädchen – und über den ganzen Erdball verteilt noch viele mehr – ertragen müssen. Einer der vielen Gründe für diese grausige Praxis ist doch tatsächlich auch das Schönheitsideal. Wenn wie in Somalia und Ägypten fast alle Frauen bis auf ein winziges Loch zugenäht werden, wird das zur Norm. Und dann ist es sehr schwer, ein gutes Gefühl für die eigene ursprüngliche Vulva zu entwickeln. Ist es das, was wir auch wollen? Ich will nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Natürlich stecken hinter der Genitalverstümmelung noch ganz andere Ursachen und natürlich ist das brutale Herausreißen weiblicher Lust etwas ganz anderes als die vermeintliche Korrektur unliebsamer Schönheitsfehler.

Aber wer sagt denn, dass das, woran die Chirurgen bei uns herumschnippeln, unschön ist? Wer sagt den Frauen, dass sie anders aussehen müssen? Sind es Fernsehshows wie Germanys Next Topmodel, die schon jungen Mädchen eintrichtern, wie sie auszusehen haben und wie nicht? Ist es die Porno-Industrie, die mit den getunten Körpern ihrer Hauptdarstellerinnen neue Normen schafft? Sind es Männer, die sagen, Schatz, wie du da unten aussiehst, das törnt mich total ab? Dafür gibt es übrigens jetzt sofort und direkt die rote Karte. So viele Frauen fühlen sich in ihrem eigenen Körper sowieso schon nicht wohl. Und als würde es nicht reichen, an Gewicht, Brüsten, Bauch, Gesicht herumzumäkeln, kommt nun auch noch die Intimchirurgie daher. Und dass da dann die Lust auf der Strecke bleibt, wenn Frauen sich nun auch noch im Intimbereich um ihre Schönheit sorgen müssen, ist ja kein Wunder. Wo bleibt unsere Individualität? Wo bleibt der Stolz auf unsere Weiblichkeit? Da bin ich schon froh, wenn ein Arzt wie Prof. Kreienberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, selbst sagt, dass zu den Aufklärungsgesprächen vor den OPs auch ein Psychologe hinzugezogen werden sollte.

Betrachten wir die Vagina doch einmal aus der Nähe

Ich sage ja nichts, wenn eine Frau tatsächlich Schmerzen durch zu lange innere Labien hat. Und abgesehen von der gesellschaftlichen Kritik am Jungfrauenkult sage ich auch nichts, wenn ein Hymen wieder auf Kurs gebracht werden muss. Ich sage nur etwas, wenn es einzig um den ästhetischen Faktor geht. Wir brauchen Vielfalt in unserer Welt! Und es ist nun auch wirklich nicht so, dass Männer diese Vielfalt nicht zu schätzen wissen. Sie lieben unsere Vaginas! Zumindest die in irgendeiner Form heterosexuell ausgerichteten Männer. Deshalb sollten wir lieber an unserem Selbstbewusstsein arbeiten anstatt zum Chirurgen zu rennen. Der Künstler Jamie McCartney hat 400 Vulvas in Gips gegossen und zeigt seine Exponante in einer Ausstellung. Zu sehen ist die ganze Bandbreite weiblicher Schönheit zwischen 18 und 76 Jahren. Labien in jeder Form, groß, klein, lang, kurz, dick, dünn, eng, weit. Das sind also die anderen Frauen. Im nächsten Step betrachten wir uns doch einmal selber. Ein Spiegel und los geht die Reise. Wie sehe ich da unten eigentlich aus? Welche Form, welche Farbe? Wie weich sind die Hautfalten? Wo sind die besonders sensiblen Punkte? Ist doch gar nicht so furchterregend, oder? Und in Step drei lassen wir unseren Partner genau hinsehen, lassen ihn beschreiben, was er sieht. Durch die Augen des anderen können wir uns noch einmal anders wahrnehmen. Wenn wir erst merken, dass unser Liebster beim Anblick unserer intimsten Körperstellen ins Schwärmen gerät und Begehren entwickelt, wird auch das unser Gefühl von unserer eigener Schönheit und Weiblichkeit steigern.

 

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Liebe Deine Vagina

Die meisten Frauen wissen schon ganz genau, wie ihr Körper aussieht. Besonders oft stehen wir vor dem Spiegel und schauen uns an, was uns nicht gefällt. Schade eigentlich, denn dabei übersehen wir die Schönheit unseres Körpers. Allerdings gibt es da auch noch einen Bereich, dem so gar keine Beachtung geschenkt wird. Und das ist der zwischen unseren Beinen. Welche Frau setzt sich schon regelmäßig mit einem Spiegel in der Hand hin und schaut sich ihr Geschlecht an. Ganz im Gegenteil herrscht hier sogar eine erstaunliche Unkenntnis der weiblichen Anatomie. Wir haben ja drei Ausgänge da unten. Scheide, Harnröhre, und After. In welcher Reihenfolge? Ich habe das hier mal absichtlich durcheinander gebracht. Richtig liegt, wer Harnröhre, Scheide, After getippt hat. Männer wissen zumeist besser Bescheid über den Intimbereich ihrer Partnerin als diese selbst. Das kann doch eigentlich nicht sein, oder?! Woran liegt diese weibliche Zurückhaltung und wie können wir das ändern?

Mal wieder sind die Eltern schuld

Ja, das sind sie tatsächlich, denn der Grundstein wird schon in der frühkindlichen Sexualerziehung gelegt. Ich möchte aber hinzufügen, dass sie das natürlich nicht mit Absicht machen. Eltern kennen das: ihr kleiner Junge pinkelt in hohem Bogen quer über den Wickeltisch in Richtung Elterngesicht. Gejauchze, wie lustig, dieser kleine Penis, was der schon alles kann! Und er legt noch einen drauf und überrascht mit einer winzigen Erektion. Wow! So früh schon! Während der Penis also hervorsticht und förmlich nach Beachtung schreit, liegt das Lustzentrum eines Mädchens versteckt und wird oft mit Missachtung gestraft. Benannt werden Arme, Beine, Bauch, nur die Vagina scheint namenloses Terrain zu sein. Dass Eltern bei der ganzen Missbrauchsdebatte vorsichtig sind, ist absolut verständlich. Nur schleichen sich bei dem kleinen Mädchen erste Zweifel ein, ob das da unten alles so seine Richtigkeit hat. Und so geht es auch weiter. Während der Junge seinen Penis ausgiebig begutachten kann, müsste ein Mädchen schon zu den Zirkusattraktionen gehören, wollte es mit eigenen Augen bewundern, was es da zwischen den Beinen hat.

Irgendwann kommt es dann in der Pubertät oder sogar erst im Erwachsenenalter auf die großartige Idee, einen Spiegel zu Hilfe zu nehmen, um endlich nachzuschauen. Und da kommt oft die nächste Ernüchterung. Ich habe keine Zahlen, aber nach meiner Erfahrung finden nur wenige Frauen ihre Vulva auf den ersten Blick schön. Sehr viel häufiger stellt sich sogar ein Ekelgefühl ein. Männer können das kaum nachvollziehen. Zumindest für die Heterosexuellen ist das Geschlecht einer Frau ein ganz einzigartiger und absolut antörnender Anblick. Sie bekommen nicht genug davon, wollen es sehen, anfassen, schmecken, darin eintauchen. Mit Glück lernen die Frauen durch die Augen der Männer dann im Verlauf ihrer sexuellen Erfahrungen ihr eigenes Geschlecht lieben. Natürlich nur, wenn sie eine positive Rückmeldung bekommen. Deshalb appelliere ich hier an die Männer: Sagt eurer Liebsten, wie schön ihr ihre Vulva findet!

Überwindet Euch – schaut Euch an, berührt Euch und lasst Euch anschauen!

In der klassischen Sexualtherapie gibt es ein schöne Methode, die sich abgewandelt auch bei der orgasmischen Meditation (der Artikel kommt noch) wiederfindet: Die Betrachtung und Beschreibung des Genitalbereichs. Es erfordert etwas Mut von der Frau, aber es lohnt sich. Immerhin winkt ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Lust.

  1. Mit gespreizten Beinen setzt ihr euch bequem ins Bett, lehnt euch an und betrachtet mit einem Handspiegel zuerst oberflächlich den gesamten Genitalbereich und dann detailliert die inneren Labien. Welche Farbe und Form haben diese und wie fühlen sie sich an? Wo ist die Klitoris unter ihrem „Häubchen“, wo ist der Harnröhrenausgang, wo der Scheideneingang und wo Damm und Anus? Danach könnt ihr euch entspannen und überall am Körper streicheln.
  2. Im nächsten Schritt könnt ihr euch über Berührungen erforschen. Ihr könnt berühren, tasten und streicheln und dadurch herausfinden, welche Art und Stärke angenehm ist und wo ihr besonders sensibel seid. Manchmal hilft auch hier ein Spiegel, um zu sehen, wo ihr euch gerade befindet. Dabei könnt ihr auch eine Gleitcreme verwenden, da eure eigene Feuchtigkeit über eine längere Zeit nicht ausreichen wird. Und auch hier könnt ihr euch hinterher streicheln.
  3. Wenn ihr soweit seid, kann euer Partner dazukommen. Nun setzt er sich vor eure gespreizten Beine und beschreibt genau, was er sieht. Respektvoll und wertschätzend sollte das sein, damit ihr euch wohlfühlen und entspannen könnt. Und wieder darf hinterher gestreichelt werden.

Lasst euch dabei Zeit und geht immer nur so weit, wie ihr es in dem Moment könnt. Vielleicht mögt ihr zuerst nur kurz hinsehen und beim nächsten Mal schon etwas länger. Vielleicht dauert es, bis ihr Euch zu der Übung mit eurem Partner traut. Das ist völlig in Ordnung. Die Übung ist dazu da, diesen so oft vernachlässigten und ungeliebten Körperteil in das eigene Körperbild zu integrieren. Ein wunderbarer Nebeneffekt ist die Intimität, die sich einstellt, wenn ein Paar sich so nah ist. Apropos Paar, natürlich ist die Übung andersherum auch für euren Partner geeignet! Männer kennen zwar ihren Penis ganz genau. Aber was da noch so alles ist, wie die Unterseite des Penis, Hodensack, Damm und Anus, entzieht sich auch hier oft der Aufmerksamkeit.

 

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