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Nimm mich! Warum uns Gewaltfantasien so anmachen

Ein flotter Dreier? Sex mit einem Fremden? Unterwerfung? Fesselspiele? Gleichgeschlechtlicher Sex? Bezahlter Sex? Alles ist möglich, wenn es um unsere sexuellen Fantasien geht. Aber darüber sprechen wir nicht gern, weder mit der besten Freundin noch mit unserem Partner. Schließlich träumen wir eben viel zu oft nicht gerade vom Blümchensex. Und niemand kann uns dafür verurteilen. Während es bei manchen nur eine bestimmte Szene ist, haben andere ganze Drehbücher im Kopf. Und während sich die einen immer dasselbe vorstellen, entwickeln andere immer wieder neue Szenarien. In unserer Fantasie sind wir frei und können uns vorstellen, was immer wir wollen. Sofern wir das zulassen können. Denn unsere Fantasien sind auch von unseren Moral- und Wertvorstellungen geprägt. Und so geben sich die einen hemmungslos hin und genießen. Und die anderen fragen sich, wie sie ihre Fantasien mit ihrem Bild von sich und der Welt vereinbaren sollen. Das trifft besonders auf Unterwerfungsfantasien zu. Immerhin werden laut der Uno 70% aller Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt, sei sie sexueller, physischer, psychischer oder emotionaler Art. Was steckt also dahinter, dass zwei Drittel aller Frauen sexuelle Gewaltfantasien haben? Und warum ist das so lustvoll?

Von der Unterwerfung zur Allmacht

Laut einer Studie der University of North Texas beschrieben 62% der befragten 355 Frauen Gewaltfantasien, 14% sogar mindestens einmal in der Woche. Das ist eine der Enthüllungen, die einen Aha-Effekt hervorrufen können. Was, so viele andere haben die auch?! Dann bin ich ja ganz normal! Ja, das bist Du! Und dafür braucht sich auch keine Frau zu schämen. Sex mit einem Fremden hat an sich schon einen großen Stellenwert in den erotischen Fantasien. Nun kommt aber auch noch Gewalt ins Spiel. Der Clou: Hier können wir steuern, was wir zulassen und was nicht. Wir können uns hingeben, uns überwältigen lassen und brauchen dabei keine Peinlichkeiten zu befürchten. Auch kann uns nichts passieren, immerhin ist das ja nur eine Fantasie. Die Kontrolle geben wir nur scheinbar ab. Und genau darum geht es: Die Kontrolle abzugeben. In der Realität hingegen haben wir diese Kontrolle nicht. Wenn es hier zur Gewalt kommt, werden tatsächlich Grenzen überschritten. Und der Fremde ist dann auch nur selten der heiße Lover, den wir uns in unseren Fantasien erträumen. Fantasie und Realität sind also zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.

In der erotischen Gewaltfantasie setzt sich eine Frau laut dem Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt ihrer realen Angst vor sexueller Ohnmacht aus. Es werde eine Situation inszeniert, in der sie das Gefühl des Ausgeliefertseins fühlen, ihr aber nichts passieren könne. „Der Wunsch, den Mann gegen seinen Willen außer sich zu bringen, wird in Szene gesetzt, die eigene unwiderstehliche Anziehungskraft (die die Frau vielleicht innerlich bezweifelt) und die Macht und Kontrolle über den anderen in sexuellen und Liebessituationen (in denen sie sich vielleicht völlig ohnmächtig fühlt) werden triumphierend genossen.“* Und so ist auch das Gegenteil der Fall. In diesen Fantasien sind wir nämlich nur scheinbar das Opfer. Eine Fantasie von der Unterwerfung ist andersherum betrachtet vielmehr eine Allmachtsfantasie. Wir fühlen uns so sexy und so unwiderstehlich, dass ein Mann gar nicht anders kann. Nicht wir sind ihm, sondern er ist uns ausgeliefert! Und genau dieses Spiel mit Macht und Unterwerfung ist das, was so anmacht. Die sexuelle Erregung wird durch das Risiko und die Überwindung von Gefahr gesteigert. Die inszenierte Angst und die Abgabe von Verantwortung machen den Kitzel aus. Ähnlich ist es auch in der SM-Szene. Nicht der dominante Partner hat die Macht. Nein, es ist der devote Part, der den anderen gewähren lässt und die Grenzen setzt.

Eine Fantasie ist eine Fantasie

Es ist also nichts Verwerfliches an derlei Vorstellungen. Und noch einmal zur Verdeutlichung: Keine Frau, die sich gewalttätigen Fantasien hingibt, möchte im echten Leben tatsächlich überwältigt und vergewaltigt werden! Vielmehr würde sie sich im realen Leben gern genauso unwiderstehlich fühlen wie in ihrer Fantasie. Also genau andersherum. Wer tatsächlich mit dem Gedanken spielt, die Fantasie mit dem Partner auszuleben, sollte sich dessen auch bewusst sein. Nicht Gewalt steht im Vordergrund sondern vielmehr die Verführung.

 

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Shades of Grey – Ist das wirklich das, was Frauen wollen?

Für Millionen Frauen geht ein Traum in Erfüllung: Fifty Shades of Grey, das moderne Märchen vom Aschenputtel, kommt in die Kinos. Endlich Schluss mit den vielen Spekulationen um die Hauptdarsteller, endlich die große Erotik auf der Leinwand. Die filmgewordene Fantasie von Unterwerfung und Hingabe. Das Buch wurde ja fast ausschließlich von Frauen gelesen. Wie wirkt sich das wohl auf das Kinopublikum aus? Sehen sich auch Männer den Film an? Immerhin ist der Druck enorm. Anscheinend träumen Frauen davon, erobert, verführt, genommen, besessen zu werden. Ich selbst habe auch schon als Teenager historische Liebesromane verschlungen. Der stets erfahrene und wahnsinnig männliche Kerl erobert und verführt rücksichtslos die kultivierte unschuldige Frau. Und NATÜRLICH ist die Entjungferung eine einzige Spirale der Lust, der sich beide hingeben, einer Spirale, die sich immer höher schraubt, um dann in einem großartigen Höhepunkt zu enden. Kann ein Mann da mithalten? Soll ein Mann da überhaupt mithalten? Worum geht es eigentlich wirklich? Was ist der Reiz an dieser Geschichte? Ein Versuch, das Phänomen zu erklären.

Männer, begehrt uns, erobert uns!

Seit den 90ern herrscht in deutschen Schlafzimmern die sogenannte Verhandlungsmoral. Die ist politisch korrekt. Männer machen was Frauen machen was Männer machen. Wie du mir so ich dir. Die hart erkämpfte Gleichberechtigung ist damit auch in der Sexualität angekommen. Wer was wann macht, wird ausgehandelt. Kein überraschender Vorstoß in anale Regionen. Was gut ist. Aber auch kein Überfall während des Gemüseschneidens. Oder während des Schreibens. „Äh, Schatz, jetzt nicht, später vielleicht.“ Was nicht immer so gut ist. Denn manchmal wollen wir Frauen tatsächlich einfach nur genommen werden. Wir wollen, dass unser Partner an nichts anderes als an uns und unseren Körper denken kann. Uns auf den Küchentisch wirft und es uns ordentlich besorgt. Kein Gerede, keine Rücksicht. Immerhin zeigt uns das ja schließlich, wie begehrenswert wir sind. Und begehrenswert wollen wir sein, das ist keine Frage. In der Fantasie funktioniert das auch ganz wunderbar, in der Realität sieht das allerdings anders aus.

„Schatz, nicht JETZT! Es geht gerade nicht. Ich schreibe an einem Artikel über Shades of Grey. Wieso siehst du das denn nicht?“ Ja, wieso können Männer einfach nicht sehen, wann uns gerade danach ist und wann nicht? Aber wie sollen sie das denn? Sie können ja keine Gedanken lesen, was mir ehrlich gesagt auch ganz recht ist. Und über eine eindeutige Erektion, die Hinweise geben könnte, verfügen wir auch nicht. Da ist es doch nachvollziehbar, dass sich so mancher Mann lieber zurückhält, bevor er abgewiesen wird. Und lieber wartet, bis wir eindeutige Signale geben. Das sexuelle Selbstbewusstsein wird mit solchen Abweisungen nicht gerade gestreichelt. Bei Ally McBeal gibt es dazu eine wunderbare Szene. Er hat gelesen, dass Frauen gern mal einen Klaps auf den Po mögen und möchte ihr den Gefallen tun, nimmt ihre Haarbürste, klapst damit recht vorsichtig auf ihren wohlgeformten Po – und was passiert? Sie ist dermaßen erbost über diese Dreistigkeit, dass sie überlegt, ihn wegen Misshandlung anzuzeigen. Das ist vielleicht etwas überzogen, zeigt aber sehr schön, wie falsch Signale interpretiert werden können und welche Reaktionen das hervorrufen kann. Sie empört, er verunsichert.

Die Macht der Fantasie

Da kommt dann dieses Buch, dieser Film ins Spiel. Die Realität wird ausgehebelt. In der Fantasie ist alles möglich. In der Fantasie sind wir Frauen so unwiderstehlich und begehrenswert, dass wir jeden Mann um den Verstand bringen. Und natürlich machen die auch nur das, was wir wollen. Denken wir nur an den heißen Paketboten, von dem so manche Frau in ihrer Fantasie träumt. Er ist ihr völlig ausgeliefert, während sie ihn in das Schlafzimmer zieht. Und dann erst die Gangbang-Fantasien! Gleich ein ganzer Haufen testosterongesteuerter Männer macht sich über eine wehrlose Frau her und bedient sich ihres Körpers. Mir wird ganz heiß. Und was ist mit Christian Gray? Vertraglich wird geregelt, dass er über sie herfallen darf, wann immer er das Verlangen danach verspürt. Wie begehrenswert muss diese Frau sich fühlen? Das will ich auch! „Man, nicht JETZT! Geh weg und lass mich endlich in Ruhe, ich habe immer noch keine Zeit! Nimm die Finger weg! Ich schreibe!“ Oh man, immer diese Unterbrechungen. Nicht zum Aushalten. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wie toll, sich so begehrt zu fühlen! 24 Stunden am Tag in der Bereitschaft, sich hinzugeben. Wow.

Also, Männer, das, was da in dem Film passiert, heizt wirklich unsere Fantasie an. Und zwar ganz gewaltig. Sicherlich könnte jedes Schlafzimmer mit Augenbinden und Handschellen ausgestattet und jeder Mann von Zeit zu Zeit der Krieger sein, der seine Gespielin überfällt und ins Schlafzimmer zerrt. Aber kommt jetzt bloß nicht auf die Idee, die Garage zur SM-Höhle umzubauen. Die wenigsten Frauen träumen von wirklichem SM-Sex mit echtem Schmerz. Wir wollen einfach nur von Zeit zu Zeit die Kontrolle abgeben, uns euren Verführungskünsten hingeben und ganz Frau sein. Wir wollen die Lust spüren, die ihr in uns auslöst. Und ja, das könnt ihr auch!

„So, endlich fertig. Schatz, JETZT kannst kommen und über mich herfallen! Nimm mich!!!“

 

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