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Aufklärung, Verhütung, Abtreibung: Polen ist kein Einzelfall

Gerade noch einmal Glück gehabt. Seit Monaten mehrten sich in Polen die Proteste gegen den Gesetzentwurf der Volksinitiative „Stoppt die Abtreibung“. Abtreibung sollte per se verboten werden. Und natürlich mischt die katholische Kirche da ordentlich mit. Was für eine Vorstellung! Damit wäre es Frauen auch nach einer Vergewaltigung oder Inzest nicht erlaubt gewesen, die Schwangerschaft abzubrechen. Und auch dann nicht, wenn das Leben der Mutter gefährdet wäre. Mal ganz abgesehen von all den anderen Gründen, die Frauen dazu bringen, diesen Entschluss zu fassen. Die landesweiten Proteste in Polen als auch in anderen europäischen Städten scheinen dazu geführt zu haben, dass die Regierung noch einmal in sich ging und der Volksinitiative einen Korb gab. Zu dieser Entscheidung hat sicherlich auch beigetragen, dass nicht nur Frauen im gebärfähigen Alter auf die Straßen gegangen sind sondern ebenso alle anderen. Und nicht nur Frauen, auch Männer fanden sich unter den Protestierenden. Als werdende Väter und Partner sind sie schließlich auch betroffen, wenn Gesetze die Rechte der Bürger*innen derart beschneiden. Aber Glück ist relativ. Denn Polen hat ohnehin das strengste Abtreibungsgesetz Europas.

Wenn Gesetze nur auf dem Papier existieren

Schon 1992 sollte ein vollständiges Verbot durchgesetzt werden. Auch damals gingen die Menschen auf die Barrikaden. Das Gesetz wurde nicht verabschiedet. Stattdessen wurden Schwangerschaftsabbrüche in drei Fällen erlaubt: Wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist, wenn die Schwangerschaft als Folge einer Straftat eintritt und bei unheilbaren Erkrankungen oder schweren Fehlbildungen des Fötus. Zu dem 1993 eingeführten Gesetz gehören auch besondere Schutzmaßnahmen für schwangere Frauen und ein besser Zugang zu Verhütungsmitteln sowie Sexualerziehung an den Schulen. Tja, so steht es auf dem Papier. Die Realität sieht anders aus. Bis heute gibt es keinen geregelten Sexualkundeunterricht. Verhütungsmittel sind teuer und für viele unerschwinglich. Das darf man nicht vergessen, wenn man gegen Abtreibungen wettert. Zudem gibt es eine Gewissensklausel, nach der Ärzte sich weigern können, Verhütungsmittel überhaupt zu verschreiben bzw. einen Abbruch auch nach legalen Maßstäben durchzuführen. Keine Aufklärung, keine Verhütungsmittel. Das wären ja zwei äußerst geeignete Mittel, unerwünschten Schwangerschaften vorzubeugen. Stattdessen ein zusätzlich erschwerter Weg zum Schwangerschaftsabbruch. Selbstbestimmung sieht anders aus.

Polen steht mit dieser repressiven Sexualpolitik nicht allein da. In vielen afrikanischen Ländern wird der Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmittel teilweise von staatlicher Seite verboten. Die Zahl der Teenagerschwangerschaften ist südlich der Sahara mit 120 Geburten pro 1000 Mädchen die weltweit höchste. Aus ganz anderen Gründen kommt es in Venezuela gerade zu Problemen. Verhütungsmittel werden im Land nicht hergestellt und Kondome importiert. Nur herrscht gerade eine Wirtschaftskrise. Kein Geld, keine Importe, keine Kondome. Und übrigens auch keine Aufklärung. Blöd, nicht? Was passiert? Ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Infektionen (STI) breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus. In China dürfen verheiratete Paare seit 2015 unter bestimmten Bedingungen zwei Kinder bekommen. Jedes weitere Kind wird mit einer Strafe belegt. Da würde man ja vermuten, dass in Aufklärung und Verhütungsmittel investiert wird. Nö. Fehlanzeige. Auch hier verzeichnen wir einen Anstieg bei Abtreibungen und Teenagerschwangerschaften. Übrigens wollen die meisten Chinesen aus wirtschaftlichen Gründen gar keine weiteren Kinder. Ich bin gespannt, wie sich das dort weiter entwickelt. Staatlich verordnete Zweit– und Drittkinder?

Schwedens liberaler Umgang mit Sexualität

Doch nicht alle Staaten sind so repressiv, wenn es um diese Themen geht. Ein anderes europäisches Land sorgt in dieser Hinsicht gerade ebenfalls für Schlagzeilen. Nur umgekehrt sozusagen. Schweden hat sich etwas Besonderes zum Weltverhütungstag ausgedacht. Dieser sollte in diesem Jahr am 26.09.2016 das Weltaugenmerk darauf richten, dass Sex nicht nur etwas für Menschen mit bestehendem Kinderwunsch ist (gilt gern für katholische Länder) und dass Frauen selber entscheiden dürfen, ob sie überhaupt Kinder haben möchten und wenn ja, wie viele (gilt für ziemlich viele Länder dieser Erde). Die schwedische Assoziation für Sexualaufklärung (RFSU) schickte also im Rahmen dieses Tages einen Werbespot über Youtube los. Sie bittet darin die NASA, Kondome ins All zu schießen. Wir hätten potentiellen Besuchern nun schon so viel über uns mitgeteilt, nur nichts über unser vorbildliches Verhütungsverhalten. Und wer wisse schon, wie Außerirdische in Punkto Familienplanung ausgestattet seien. Das Video soll Aufmerksamkeit erregen und auf den Sinn und Nutzen von Kondomen hinweisen. Und das tut es auch.

Tja, Schweden ist eben bekannt für seinen liberalen Umgang mit dem Sexuellen. So heißt es zumindest. Dass dieses Image seinen Ursprung in Filmen aus den 1950ern hat, weiß heute schon kaum jemand mehr. Was die meisten auch nicht wissen, ist die Tatsache, dass Schweden als erstes Land überhaupt Sexualkundeunterricht an den Schulen eingeführt hat und die Antibabypille auf Staatskosten verschreibt. Schwedinnen dürfen bis zur 18. Woche abtreiben. In Dänemark und Deutschland ist dies nur bis zur 12. Woche erlaubt. In Schweden ist es auch möglich, einen Abbruch vornehmen zu lassen, wenn die Eltern mit dem Geschlecht des Kindes nicht einverstanden sind. Beides zusammen führt zu einem Abtreibungstourismus aus Dänemark und Norwegen. Das geht nun wieder einigen Schweden zu weit und so sollen gegen diese Praxis Maßnahmen ergriffen werden.

Deutschland, das Land der ewigen Mitte

Kommen wir zu Deutschland. Auch hier wird teilweise von Seiten aufgebrachter Eltern gegen Aufklärung gewettert. Es geht dabei im speziellen um die „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, über andere Lebens- und Liebesformen als nur die heterosexuelle aufzuklären. Ich weiß nicht, inwieweit Eltern in den Schulen in diese Thematik miteinbezogen werden. Ich weiß aber aus meiner eigenen sexualpädagogischen Arbeit, dass Eltern sehr oft nicht wissen, was ihre Kinder schon so alles wissen und dann denken, die Sexualpädagog*innen hätten das verbockt. Aufklärung ist heute kein Fremdwort mehr. Allerdings haben auch wir noch großen Verbesserungsbedarf. Es geht ja nicht nur darum, über körperliche Funktionen und Methoden der Kontrazeption aufzuklären. Denn Werkzeugkunde allein ist nicht ausreichend für die richtige Anwendung. Wenn Schulen dafür nicht ausgerüstet sind, können sie bei Pro Familia speziell geschulte Sexualpädagog*innen anfordern. Dort gibt es vor Ort Beratungsangebote für Jugendliche und Erwachsene. Wir haben damit die Möglichkeit, uns auch außerhalb des Internets für wenig Geld die Informationen zu holen, die wir brauchen. Für Jugendliche ist das Angebot kostenlos, Erwachsene bezahlen ca. 35 Euro für eine Stunde.

Unser Zugang zu Verhütungsmitteln ist recht gut geregelt. Mädchen können sich ohne Einwilligung der Eltern die Pille verschreiben lassen, sobald sie vierzehn Jahre alt sind. Darüber, ob das gesundheitlich nun so gut ist, lässt sich streiten. Gerade hat eine dänische Studie einen Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und Depressionen hergestellt, der besonders Jugendliche betrifft. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten auch für andere hormonelle Verhütungsmittel bis zur Vollendung des 20. Lebensjahres. Wer Sozialleistungen bezieht, hat in einigen Kommunen die Möglichkeit, Sonderfonds anzuzapfen. Kondome sind war nicht umsonst, was wohl noch einmal eine Maßnahme wäre. Wir können sie aber unbegrenzt in Drogerien, Supermärkten, Apotheken, Erotikfachgeschäften oder im Internet erwerben. Im § 218 des Strafgesetzbuch ist geregelt, wann und unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch legal und möglich ist. In bestimmten Fällen werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen. Aber natürlich gibt es hier auch viele Ungerechtigkeiten. Frauen bleiben viel zu häufig auf den Kosten für Verhütungsmittel wie auch Schwangerschaftsabbrüchen sitzen. Überhaupt finde ich es ungeheuerlich, wie selbstverständlich die Verhütung größtenteils auf Frauen abgewälzt wird. Die Nebenwirkungen sind mittlerweile hinreichend bekannt. Gäbe es keine STI, würden weitaus weniger Kondome zum Einsatz kommen.

Bildung und Aufklärung gehören zusammen

Es kann doch nicht sein, dass Regierungen über die Fruchtbarkeit ihrer Bürger*innen bestimmen, indem sie den Zugang zu Aufklärung und Verhütung unterbinden oder einschränken. Sämtliche Mittel und Möglichkeiten für eine vernünftige Sexualpolitik haben wir schließlich. Aber es ist natürlich viel einfacher, Menschen, die permanent mit Kinderkriegen und Überleben beschäftigt sind, zu kontrollieren. Was wir brauchen, sind also keine Kondome im All, sondern Kondome gleich bei uns auf der Erde. Und Bildung für alle. Dazu gehört auch Aufklärung. Es gibt viele Initiativen und Verbände, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Und es bleibt zu hoffen, dass die Menschen weiterhin lautstark protestieren, wenn ihre Rechte so beschnitten werden sollen, wie es in Polen geplant war.

Diesen Beitrag gibt es auch als Folge im Podcast:

Warum die Schweden Kondome ins All schießen möchten

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Machen soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich krank?

So, Freunde der freien Liebe, aufgemerkt! Die Bundesregierung warnt vor einer Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie HIV und Syphilis. Und spricht in ihrer „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen“ unter anderem auch vom Wandel des Sexualverhaltens durch soziale Netzwerke und Internet-Datingportale. Denn diese würden die Kontaktaufnahme verändern und erleichtern. Wenn man diese Annahme nun als alleinige Schlagzeile verwendete („Mehr Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder HIV durch Dating-Portale“ oder „Tripper durch Tinder“), könnte das für eine Massenpanik sorgen. Immerhin sind wir ja fast alle in sozialen Netzwerken unterwegs. Ganz besonders die junge Generation. Und eine nicht unerhebliche Zahl von uns hat auch schon versucht, über Datingportale eine neue Liebe zu finden. Die einen mit mehr, die anderen mit weniger Erfolg. Hier droht nun also Gefahr. Aber wie konkret ist die wirklich?

Wer sich in Datingportalen umsieht, hat nicht automatisch Sex

Ehrlich gesagt bin ich erst einmal verwirrt. Und das schon länger. Angeblich steigt die Zahl der sexuellen Kontakte, boomt das Geschäft mit dem schnellen und unverbindlichen Sex. Die große Zahl an Internetportalen, die sich auf ebendiese Kontakte spezialisiert hat, suggeriert das ebenfalls. Anscheinend hat jeder außer mir einen permanenten Wechsel der Sexualpartner, sei es nun mit oder ohne Partnerschaft. Als seien wir Weltmeister im Fremdgehen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass dem nicht wirklich so ist. Und das kann ich auch belegen.

Der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt hat, allerdings schon 2006, in einer Studie festgestellt, dass nur 1 bis zwei Prozent aller Sexualkontakte seiner 776 Befragten Seitensprünge waren. Hochgerechnet findet man sieben Seitensprünge in 100 Beziehungsjahren. Oder, wie er schreibt, haben fest liierte Großstädter im Alter von 30 bis 60 Jahren im statistischen Mittel alle 13 Jahre eine sexuelle Außenbeziehung. Datingportale hin oder her. Dabei stellte sich übrigens auch heraus, dass gerade die 30-Jährigen es besonders streng sahen mit der Treue. Ok, die sind heute Mitte vierzig. Aber was macht die Jugend heute? Legt ein vorbildliches Verhütungsverhalten an den Tag. Auch dazu noch einmal die BzGA: „Beim ‚ersten Mal’ schützen sich über 90 Prozent vor ungewollter Schwangerschaft. Das am meisten genutzte Verhütungsmittel ist das Kondom.“ Und sie warten mit diesem ersten Mal auch lieber solange, bis sie den richtigen Partner gefunden haben. Ok, hier ist für STI also nicht so viel zu holen. Datingportale hin oder her.

Nun könnte man ja denken, na gut, wenn die Paare und die Jugend doch nicht so umtriebig sind, wie wir dachten, dann sind es eben die Singles, die gefährdet sind. Und natürlich gab es die auch in der erwähnten Studie. Aber nur ganze vier Prozent davon gehören der hemmungslos herumvögelnden Spezies an! Und das wiederum deckt sich mit eigenen Erfahrungen zu dem Thema. In der Vorbereitung für einen Vortrag über Single-Sexualität befragte ich eine ganze Weile lang alle möglichen Singles zu ihrem Liebesleben. Fakt: Alle hätten gern Sex. Doch kaum einer wollte nur vögeln, die meisten warteten lieber auf den richtigen Partner. Sex mit Liebe ist das Motto. Datingportale hin oder her.

Eine neue Form der Kontaktaufnahme bedeutet nicht, dass alle gefährdet sind

So, wir treiben es also gar nicht so wild. Und sind dabei auch noch gut informiert über Safer Sex. Und tatsächlich haben wir es zum Beispiel bei HIV mit einer sinkenden Zahl von Neuinfektionen zu tun. Die BzGA geht von weltweit 35 Millionen Menschen aus, die heute mit HIV und AIDS leben. Dies sei jedoch nicht mit einer steigenden Zahl von Neuinfizierten zu begründen. Dahinter verberge sich vielmehr, dass immer weniger Menschen dank eines verbesserten Zugangs zu antiretroviraler Therapie sterben. Im Gegenteil konnte die Zahl der Neuinfektionen sogar drastisch gesenkt werden: Von 2,7 Millionen in 2010 auf 2,1 Millionen in 2013, dem damit bislang niedrigsten Wert in diesem Jahrhundert. In Deutschland lebten Ende 2013 rund 80.000 Menschen mit einer HIV-Infektion und die Zahl der geschätzten Neuinfektionen lag bei 3.200 Fällen. Bei Syphilis sieht die Sache zugegebenermaßen schon anders aus. Denn hier steigt die Zahl der Neuinfektionen tatsächlich. Hier gibt es seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg. 2014 gab es mit 5722 Neudiagnosen neuen Höchstwert.

Nun muss man dazu aber eines sagen: HIV, AIDS und Syphilis sind STI, die sich schwerpunktmäßig in der Schwulenszene finden. Laut BzGA erfolgten nach Schätzungen etwa drei Viertel der HIV-Neuinfektionen in 2013 bei Männern, die Sex mit Männern haben. Rund 20 Prozent kamen über heterosexuelle Kontakte zustande. Bei Syphilis ist die Lage noch eindeutiger: Hier gehen rund 84 Prozent laut des Robert-Koch-Instituts auf das Konto homosexueller Sexualkontakte. Ungeschützter Analverkehr ist die Nummer Eins bei der Übertragung von HIV. Und wer sich erst einmal mit einer Grunderkrankung infiziert hat und nicht darauf achtet, sich trotzdem zu schützen, steckt sich leichter mit der nächsten STI an. Hier scheint das Risikoverhalten auch tatsächlich zu steigen. Bundesweit liegt Berlin mit seinen zahlreichen Clubs, Saunen und Pornokinos bei den Fallzahlen klar vorn. Partywochenenden unter Einfluss stimulierender Drogen wie Crystal seien eine Ursache, heißt es vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG), Prof. Norbert Brockmeyer. Das ist wohl auch damit gemeint, wenn im Bericht der Bundesregierung steht: „Daten und Studien belegen, dass einige sexuell übertragbare Infektionen aufgrund gleicher bzw. ähnlicher Übertragungswege gehäuft in bestimmten Gruppen vorkommen.“

Ruhig Blut, alles halb so wild

Ja, die Kontaktaufnahme wird durch soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich verändert. Aber erleichtert? Wir können uns zwar jeden Tag mit einem anderen Menschen treffen. Dafür gibt es auch genügend Portale, in denen sich für jede Vorliebe etwas findet. Doch nur weil immer mehr Menschen in sozialen Netzwerken und auf Datingportalen unterwegs sind, bedeutet das nicht, dass sie auch alle Sex haben. Wir wissen nicht wirklich, aus wie vielen solchen Kontakten (ungeschützter) Sex hervorgeht. Nicht einmal die, die das gern so hätten. Beispiel Tinder: Für so manchen reicht schon das Glücksgefühl, überhaupt auch nur ein Match zu haben. Wow, da hat mich jemand beachtet! Wäre das alles so einfach, hätten wir nicht elf Millionen Singles in Deutschland. Viel schlimmer finde ich, dass sich beispielweise die sehr unangenehmen Clamydien oder Gonorrhö, umgangssprachlich Tripper, aufgrund von Resistenzen teilweise nicht mehr mit Antibiotika behandeln lassen. Gegen den hemmungslosen Gebrauch von Antibiotika sollten wir etwas unternehmen, denn deswegen wird die Zahl an Neuinfektionen sicherlich ansteigen.

 

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Diser Artikel wurde veröffentlicht auf: https://www.orion.de/blog/mehr-geschlechtskrankheiten-durch-datingportale-co/

 

Safer Sex – Die wichtigsten Fakten auf einen Blick

Sex ist etwas so Wunderbares, dass es schwerfällt, dabei an etwas anderes zu denken als an Liebe, Lust und Erregung. Und dann kommt jemand wie Charlie Sheen um die Ecke und outet sich als HIV-positiv. Und prahlt vor allem damit, mit über 5000 Frauen geschlafen zu haben. Mein Taschenrechner sagt mir, dass er mit einer Frau pro Nacht dafür 13,7 Jahre gebraucht hat. Oder 27 Jahre, wenn er nur jede zweite Nacht eine neue Frau im Bett hatte. Oder weniger, wenn es mehr als eine am Tag waren. Ist das jetzt noch Liebe, Lust und Erregung oder einfach nur Stress und Macho-Gehabe? Wie viele Frauen mag er bei seinem ausschweifenden Sexleben mit HIV oder anderen STI angesteckt haben? Und warum machen Frauen das mit? Vor allem ohne Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI)? Kondome sind hier zwar eine Möglichkeit. Wer Charlie Sheen oder auch Michael Douglas, der Oral-Verkehr für seinen Kehlkopfkrebs verantwortlich macht, nacheifern will, sollte sich nicht nur auf Kondome verlassen.

STI lieben Körperflüssigkeiten jeglicher Art

Sex ist eine wunderbare Möglichkeit auch für alle anderen für Krankheitserreger jenseits von HIV, von einem Körper auf den anderen hinüberzuwechseln. Und das auch nicht nur beim Geschlechtsverkehr! Viren, Bakterien, Pilze und andere Erreger lieben Körperflüssigkeiten und Blut und werden durch Scheiden- und Analsekrete, Sperma, Speichel, Urin oder Muttermilch über unsere Schleimhäute und offene Wunden übertragen. Und Schleimhäute haben wir jede Menge: Im Genital- und Analbereich, an den Augen, in der Nase und im Mund. Und Wunden sind nicht immer sichtbar. Kleine Fissuren können durch Reibung beim Sex in der Vagina oder im After auch erst während des Liebespiels entstehen. Ein Biss auf die Zunge oder in die Wange führt häufig zu offenen Stellen. Und auch an Händen oder Fingernägeln können schon mal kleine Risse in der Haut sein. Es ist wichtig, sich mit einem neuen Liebespartner rechtzeitig über Schutzmöglichkeiten auszutauschen. Und wer bereits infiziert ist, sollte dies dem Partner mitteilen. Wir sprechen hier übrigens nicht von langjährigen Partnerschaften, in denen Treue hochgehalten wird. Hier geht es um neue oder wechselnde Sexualpartner.

So schützt ihr euch am Besten

  • Safer Sex bedeutet nicht „sicherer Sex“ sondern nur „sichererer Sex“. Wirklich sicher ist nur, wer ganz auf Sex verzichtet. Aber das wollen wir ja nicht. Die meisten denken jedenfalls erst einmal an Kondome. Das ist auch richtig, denn die verhindern, dass Sperma in die Vagina oder in den After kommt. Wichtig ist hierbei die richtige Anwendung. Es gibt auch ein Kondom für die Frau, das Femidom. Damit können Frauen den Schutz in die eigene Hand nehmen. Es funktioniert ganz ähnlich, wird aber nicht auf den Penis aufgezogen, sondern in die Vagina eingeführt.
  • Die Krankheitserreger können auch beim aktiven und passiven Oralverkehr übertragen werden. Bei einem Blow Job solltet Ihr daher auch ein Kondom verwenden. Und für den Cunnilingus gibt es Dental Dams, spezielle Lecktücher, die Ihr in der Apotheke kaufen könnt. Aufgeschnittene Kondome und Einmal-Handschuhe sowie Frischhaltefolie lassen sich beim Lecken ebenfalls gut verwenden. Dabei möchte ich aus Sicherheitsgründen darauf hinweisen, dass Frischhaltefolie natürlich umgekehrt kein Kondom ersetzt!
  • Hygiene: Bevor ihr mit dem Sex loslegt, solltet ihr euch zumindest die Hände waschen, wenn nicht sogar duschen. Ich bin ja sowieso keine Freundin von künstlichen Nägeln und weise daher gern darauf hin, dass sich hier jede Menge Bakterien ansammeln. Zudem erhöhen lange, spitze oder auch eingerissene Fingernägel das Verletzungsrisiko im Körperinneren. Nagelpilz ist auch so ein Thema. Wer möchte bitteschön so einen Finger in sich wissen? Aber auch da gibt es Schutzmöglichkeiten. Einmal-Handschuhe oder Fingerlinge könnt ihr ebenfalls in der Apotheke kaufen.
  • Ihr liebt Sex Toys? Kein Problem. Aber auch mit ihnen könnt ihr Krankheitserreger übertragen! Deshalb solltet ihr auch hier Kondome verwenden, wenn ihr die Toys gegenseitig benutzt. Was einmal im After war, sollte übrigens niemals direkt in eine andere Körperöffnung gesteckt werden. Denn im Darm befinden sich Bakterien, die andernorts zu Infektionen führen können. Deshalb: Runter mit dem gebrauchten Kondom, rauf mit einem neuen. Das Gleiche gilt beim Wechseln der Körperöffnungen beim Geschlechtsverkehr. Wer sich vor Weichmachern schützen möchte und nicht weiß, aus welchem Material das jeweilige Toy ist, kann ebenfalls zu Kondomen, Fingerlingen oder Einmal-Handschuhen greifen.
  • Oben hatte ich kleine Fissuren angesprochen, die beim Sex entstehen können. Wenn eine Frau nicht feucht genug ist – und da sind wir alle unterschiedlich veranlagt – , kann die Reibung durch einen Penis oder ein Sex Toy die empfindliche Vaginalschleimhaut verletzen. Und der Anus produziert ohnehin nur eine ganz geringe natürliche Feuchtigkeit, die beim Sex schnell aufgebraucht ist. Hinzu kommt, dass der Anus ein Muskel ist, der langsam gedehnt werden sollte, um auch hier Verletzungen zu vermeiden. Bei allem hilft der Gebrauch von Gleitmitteln. Das gilt natürlich auch für den Sex in bestehenden Partnerschaften. Schmerzen beim Sex können hier ihre Ursache haben. Toys aus Silikon vertragen übrigens keine Gleitmittel auf Silikonbasis und Latexkondome keine fett- oder ölhaltigen Gleitmittel.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Wenn hier nun jemand denken sollte, ach, das macht doch alles nichts, mir reicht ein Kondom, ich will ja schließlich nur vögeln, dem sei gesagt: Doch, das macht was! Sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind sehr weit verbreitet und reichen von HIV bis zu HPV (Humane Papillomaviren). Mit HPV sind rund 60% aller jungen Männer und Frauen infiziert. Jedes Jahr gibt es ca. 100.000 neue Chlamydien-Infektionen, gefolgt von 80.000 Infektionen mit dem Herpes simplex. Syphilis, eine STI mit einer steigenden Zahl an Neuinfektionen, lässt sich sogar durch einen Handschlag oder Kuss übertragen. Und leider sind die STI in vielen Fällen nicht zu erkennen. Manchmal wissen die Überträger selber nicht einmal, dass sie infiziert sind.

Da kann ich mich Prof. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG), nur anschließen. Denn der sagte in einem Gespräch mit nt-v, „dass Sexualität etwas Wertvolles und Tolles ist, das man aber auch mit einer gewissen Vorsicht handhaben sollte. Dazu gehört, Verantwortung für die eigene und besonders auch Gesundheit des PartnersInn zu übernehmen, die Anwendung von Kondomen zu üben und man muss auch lernen, darüber zu reden, was man macht.“ Ganz genau.

Und wann ist Schluss mit Safer Sex? Wenn zwei Liebende sich sicher sind, dass sie nur miteinander Sex haben wollen, können sie sich gemeinsam oder getrennt auf STI testen lassen. Danach spielt nur noch die Verhütung eine Rolle. Oder auch nicht J

 

Copyright by ORION, veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/safer-sex-nicht-sicherer-sex-sondern-sichererer-sex/

 

Die Rückkehr der Syphilis

„Sumatra ist eine Insel und Syphilis zerfrisst den Pinsel“. Immer, wenn ich während meines Studiums spätabends in dieser einen speziellen dunklen Spelunke in Kiel strandete, las ich diesen Spruch, den jemand in mühsamer Kleinarbeit in die Toilettentür geritzt hatte. Das war Anfang der 90er, als die Angst vor HIV grassierte und erstmals die großen Plakate der BZgA-Kampagne „Gib AIDS keine Chance“ darauf aufmerksam machten, dass man vom Sex nicht nur schwanger werden kann.

Einprägsam wie ein Mantra hat sich dieser Spruch in mein Gedächtnis eingegraben.

Und wenngleich sich mir bis heute nicht der Sinn erschließt, fällt er mir immer und sofort ein, wenn der Begriff Syphilis fällt. Oder Sumatra. Leider konnte ich mich davon auch nicht losmachen, als 2004 der verheerende Tsunami Sumatra verwüstete und die indonesische Insel damit erstmals real in mein Blickfeld rutschte. Völlig pietätlos und absolut unpassend war er sofort wieder da, „Sumatra ist eine Insel….“. Manche Sachen wird man einfach nicht los.

Die Krankheit, die aus dem Dunkeln kam

Pest, Cholera, Lepra – kennen wir aus dem Geschichtsunterricht oder aus großen Kinofilmen wie „In Zeiten der Cholera“. Aber wer weiß schon, dass im ausgehenden Mittelalter durch Syphilis mehr Menschen den Tod fanden als durch Lepra? Explosionsartig breitete sich die Infektionskrankheit ab 1495 als Mitbringsel der Entdecker der Neuen Welt von Europa bis Japan aus. Und jedes Land schob die Schuld dem jeweiligen Erzfeind zu. So litten die Deutschen an der Franzosen-Krankheit, die Holländer an den spanischen Pocken und die Japaner an der Kanton-Krankheit. Wie Syphilis wohl heute hieße – nordkoreanische Diktatoren-Pocken vielleicht? Aber ich will an dieser Stelle lieber nicht politisch werden.

Wie kam es zu dieser Ausbreitung? Die Renaissance läutete im späten 14. Jahrhundert das Ende des dunklen und antisexuellen Mittelalters ein. Endlich konnte wieder nach Herzenslust gevögelt werden. Verführen und Verführt werden hieß die Devise. Badehäuser waren die Swinger-Clubs des Mittelalters. Ganze Hochzeitsgesellschaften zogen hier ein, um beim gemeinsamen Bad zu feiern. Männer trugen lange Futterale über ihrem besten Stück und die Größe eines Penis’ konnte über den gesellschaftlichen Aufstieg entscheiden. Es war ein wildes Treiben, das auch vor der Kirche nicht Halt machte.

Und so verbreitete sich die Syphilis quer durch die kopulationsfreudige Bevölkerung und über alle Landesgrenzen hinaus. Heinrich der VIII, Iwan der Schreckliche, Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe sind nur ein paar der prominenten Opfer dieser Lustseuche, die immer tödlich endete. Eine neue Prüderie und schließlich die Entdeckung des Penicillins Anfang des 20. Jahrhunderts erst dämmten die Krankheit ein.

Auch HIV hat sich in einer Zeit der neuen sexuellen Freizügigkeit ausgebreitet. Nach den prüden 1950ern kam Ende der 1960er vergleichbar mit der Renaissance die große Wende, nicht nur in Deutschland. Die Wiederentdeckung der Lust fiel zusammen mit der Entwicklung der Antibabypille und ließ den Mythos der wilden 68er entstehen. Und wieder ahnte zunächst niemand etwas von der drohenden Gefahr einer sich ausbreitenden tödlichen Geschlechtskrankheit. Im Gegensatz zur Syphilis aber – damals kannte man weder Viren noch Bakterien – konnte man jetzt einen Erreger dingfest machen.

Safer Sex und eine neue Aufklärungskampagne gegen Syphilis

Genug Geschichte, auch wenn mir der Ausflug so gut gefällt. Ich möchte auf etwas Bestimmtes hinaus. Durch Forschung und Aufklärung wissen wir heute, wie wir uns vor HIV schützen können. Es gibt mittlerweile Medikamente, mit denen sich die Krankheit behandeln lässt. Die Angst vor einer Ansteckung ist dadurch kleiner geworden. Das führt leider auch dazu, dass sich die Menschen wieder weniger schützen und allen anderen Geschlechtskrankheiten ebenfalls Tor und Tür geöffnet werden. Die starke Fokussierung auf HIV ließ Syphilis zudem völlig in den Hintergrund treten. Kaum jemand nimmt die Gefahr ernst und so stecken sich heute wieder mehr Menschen mit dieser gefährlichen Krankheit an. Laut Robert-Koch-Institut gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der Neuinfektionen um 20%. Und der Trend scheint sich fortzusetzen. Betroffen sind übrigens zu vier Fünfteln Männer.

Was also tun? Wir müssen rechtzeitig die Notbremse ziehen und unbedingt wieder mehr auf unsere Sicherheit achten. Safer Sex ist und bleibt nun einmal der beste Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen. Aufklärung muss auch alle anderen sexuell übertragbaren Infektionen beinhalten und darf sich nicht nur auf HIV beschränken. Das hat auch die BzgA erkannt und eine neue Kampagne gestartet, diesmal gegen Syphilis.

Copyright by ORION, veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/die-rueckkehr-der-syphilis/