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PADAM! Wenn Männer in die Wechseljahre kommen

Haben Männer den Frauen vergleichbare Wechseljahre oder verstecken sich dahinter “nur“ eine ganz normale Midlife-Crisis und die üblichen altersbedingten Veränderungen? Da haben wir schon wieder so ein umstrittenes Thema, auf das es keine endgültige Antwort gibt. Schließlich und vor allem ist es eine Frage der Definition. Die Wechseljahre der Frau bedeuten eine Vielzahl von Veränderungen: Die hormonelle Umstellung, das Ende der monatlichen Blutung und allem voran der Verlust der Fruchtbarkeit. Für Frauen, die ihre Weiblichkeit ganz stark mit der Fähigkeit, Kinder zu gebären, verbinden, ist das ein harter Schlag. Sie fühlen sich nicht mehr als Frau, wenn sie diese Fähigkeit verlieren. Und hier verbirgt sich der große Unterschied zwischen Frauen und Männern. Für Männer ist es prinzipiell möglich, bis ins hohe Alter Kinder zu zeugen. Und auch sie bestimmen zu einem nicht unwesentlichen Teil ihre Männlichkeit von dieser Fähigkeit. Dies können wir daran erkennen, dass sich viele Männer auch ohne bestehenden Kinderwunsch dann doch lieber nicht sterilisieren lassen möchten. Sie fühlen sich ohne ihre Spermien im Ejakulat nicht männlich genug. Dagegen lässt sich schwerlich etwas einwenden.

Auch die Wechseljahre sind nicht mehr das, was sie einmal waren

Ich bin tendenziell misstrauisch und so frage ich mich, wer eigentlich auf die Idee gekommen ist, bei Männern von „Wechseljahren“ zu sprechen und was genau dies bedeuten soll. Schon bei Frauen ist hier von einer Vielzahl von Vorurteilen auszugehen. Viele Unannehmlichkeiten wie Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen wurden lange damit in Verbindung gebracht. Mittlerweile ist allerdings erwiesen, dass die einzigen körperlichen Auswirkungen Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind. Dazu gab es eine Studie der Universität Dresden mit 1400 Frauen aller Altersgruppen. Die übrigen Probleme, die sich den Frauen stellen, haben vermutlich vielmehr mit dem Verlust der Fruchtbarkeit, dem alltäglichen Leben oder dem Eintritt in die postsexuelle Phase zu tun. Immerhin galten Frauen mit dem Beginn der Menopause bis vor nicht allzu langer Zeit als alt und damit auch gleichzeitig als asexuell. So etwas hält sich lange in den Köpfen der Menschen und kann schon für allerlei Unmut sorgen.

Und wieder die alte Frage: Kultur oder Natur?

Was genau geht nun vor sich, wenn ein Mann in die vermeintlichen Wechseljahre kommt? Bereits ab dem 30. bis 35. Lebensjahr, also schon viel früher als bei Frauen, fällt der Testosteronspiegel kontinuierlich ab. Es wird nun vermutet, dass diese geringere Hormonkonzentration mit bestimmten Veränderungen wie Energieverlust, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen und reduziertem sexuellen Verlangen zusammenhängt. Aber das wird eben auch nur vermutet, denn eine eindeutige Verbindung konnte bisher nicht sicher nachgewiesen werden! Es könnten also auch ganz andere Faktoren hierfür verantwortlich sein: Stress im Job, Umstellungen im Familienleben oder ganz allgemein betrachtet altersbedingte Veränderungen. Warum auch sollte das nicht so sein? Immerhin wissen wir heute, dass gerade unser sexuelles Erleben von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist und Probleme hier nur selten eindeutig einer Ursache zuzuordnen sind, weder bei Männern noch bei Frauen. Schön wäre es natürlich, könnte man den Testosteronmangel für Libido- und Erektionsprobleme verantwortlich machen, eine Pille schlucken und damit alles wieder in beste Ordnung bringen. Das geht so aber nicht. Leider.

Sex Sells auch in der Pharmaindustrie

Könnte es vielleicht sein, dass sich die Pharmaindustrie hier einen neuen Markt erobern will? Das zumindest sagt Volkmar Sigusch, der Papst der Sexualwissenschaft. Und das scheint mir nicht weit hergeholt zu sein. Immerhin sprechen wir auch erst seit der Einführung von Viagra von der erektilen Dysfunktion. Die gab es vorher so nicht. Dafür erstaunlich viele Patienten danach. Wenn entsprechend den Frauen nun auch Männern routinemäßig Hormone verschrieben werden, verspricht das Umsätze in Milliardenhöhe. Und schon gibt es auch einen Namen für das Syndrom: PADAM, das Partielle Androgen-Defizit des Alternden Mannes. Und obwohl bis heute nicht nachgewiesen ist, welche Androgene oder Östrogene das PADAM verursachen sollen, wird schon von Selektiven Androgenrezeptor-Agonisten gesprochen, die nur an den Organen wirken, an denen sie wirken sollen, so Sigusch. In den USA steigen die Umsätze der Testosteron-Präparate jedenfalls jährlich um 30%. Hormone nehmen, ohne sicher zu wissen, wo und wie sie wirken? Wollen wir das wirklich? Die Verantwortung für unser Leben abgeben und uns mit ein paar Pillen angebliche Bequemlichkeit erkaufen? Wie wäre es denn damit, wenn wir uns die jeweiligen Lebensumstände genau anschauen und dann vielleicht ein wenig an der Stressschraube drehen?

Wir sind mehr als unsere Hormone: Packen wir es an!

Fassen wir also zusammen: Auch Männer unterliegen in ihrem Leben hormonellen Veränderungen, die Körper, Geist und Seele betreffen. Dies nun spöttisch als Midlife-Crisis abzutun, wäre unfair und verharmlosend. Wir sollten diese Veränderungen ernst nehmen, denn sie beeinflussen die Selbstwahrnehmung und wirken sich auch auf die Beziehung und das Liebesleben aus. Und wie auch bei Frauen werden diese Veränderungen individuell unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Ob wir diese Veränderungen mit den Wechseljahren der Frau gleichsetzen wollen, ist eine, wie ich finde, unsinnige Frage. Welchen Sinn hätte das? Dafür sind Frauen und Männer und auch die Hormonumstellungen dann doch zu unterschiedlich. Aber genau wie Frauen haben auch Männer die Möglichkeit, sich bei Problemen einen Ansprechpartner zu suchen. Es gibt Andrologen, die sich als Pendant zu Gynäkologen mit der Fortpflanzungsfunktion des Mannes und auch mit den Hormonen des alternden Mannes beschäftigen. Wenn es denn sein muss. Denn es gibt auch für Männer jede Menge Möglichkeiten, an sich und ihrem Leben zu arbeiten und zu lernen, mit den vor allem altersbedingten Veränderungen bewusst umzugehen. Achtsamkeitstraining, Yoga, Psychotherapie, Sexualberatung und all die anderen wunderbaren Angebote stehen auch Männern offen!

 

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Versöhnungssex – Ab in die Kiste?!

Die Fetzen fliegen. Sie will das eine, er das andere. Vielleicht fliegen Gegenstände, zumindest aber Worte, die wie Pfeile verletzen können. Kein Ende ist in Sicht. Die Fronten sind verhärtet. Kann Sex die Situation retten? Ein heftiger Streit gefolgt von intensivem Sex? Das ist ja das Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an Versöhnungssex denken. Eine Brücke soll über die Kluft zwischen den Liebenden gebaut und alles wieder gut werden. Sex als Allheilmittel sozusagen. Aber kann das tatsächlich funktionieren? Oder muss das Problem nicht vielmehr erst geklärt sein, bevor es ab in die Kiste geht? Und ist das dann noch Versöhnungssex?

Starke Gefühle haben Suchtpotential, lösen die Probleme aber nicht

Eine Patentlösung gibt es nicht, dazu sind die Menschen und ihre Auseinandersetzungen viel zu verschieden. Aber es gibt tatsächlich Paare, die auf diese Weise – Beilegung des Streits durch Sex – ihre Konflikte bearbeiten. Die Lösung ist jedoch zumeist nur von kurzer Dauer. Denn die Sache ist ja nicht geklärt, zumindest nicht bei tiefergehenden Problemen. Sie wird nur verschoben und kommt bei der nächsten Gelegenheit wieder zur Sprache. Dann folgen der nächste Streit und der nächste Versöhnungssex. Ein Rausch der Hormone, der dem US-Wissenschaftler Seth Meyers zufolge süchtig machen kann. Denn bei einem Streit wird verstärkt das männliche Sexualhormon Testosteron, das sich bei Frauen auch in geringer Menge findet, ausgeschüttet. Ein hoher Testosteronspiegel sorgt nicht nur für aggressives Verhalten sondern steigert auch das sexuelle Verlangen. Kommt es dann zum Sex, werde Meyers zufolge ein Hochgefühl ähnlich dem Kokainrausch ausgelöst. Durch den intensiven Körperkontakt wird zudem das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Die Partner fühlen sich nah und ihrer gegenseitigen Liebe bestätigt. Dieses intensive Gefühl gilt es laut Meyers wiederzuerlangen, ähnlich der Suche eines Drogenabhängigen nach dem nächsten Kick. Oder ähnlich einem Adrenalinjunkie vor dem nächsten Bunjeesprung. Ich würde meinen, dieses ewige Hin und Her hält den Adrenalinspiegel hoch und dürfte ziemlich anstrengend sein.

Die emotionale Bindung durch körperliche Nähe stärken

Für die meisten Paare ist das denn auch keine sinnvolle Strategie. Der Hauptgrund besteht natürlich nicht darin, dass man sich dies wissentlich überlegt hat. Nein, es liegt wohl eher daran, dass die meisten Menschen einfach nicht bereit sind, sich körperlich auf den Partner einzulassen, wenn der Streit noch nicht beigelegt ist. Zuerst müssen das Problem gelöst und dann die gegenseitigen Vorwürfe oder Kränkungen bereinigt werden. Aber wenn das erst einmal der Fall ist, kann über die körperliche Kommunikation wieder Nähe und Intimität zwischen den Partnern hergestellt werden. Damit sollte man meines Erachtens auch nicht allzu lange warten. Schließlich wird die emotionale Bindung über die körperliche Nähe vertieft und gefestigt. Aber ob das nun gleich Sex sein muss, sei dahin gestellt. Intensive Umarmungen und Zärtlichkeit erfüllen genauso ihren Zweck. Versöhnungskuscheln statt Versöhnungssex.

Was man auf jeden Fall nicht machen sollte ist, sich auf ein Liebespiel einzulassen, weil man hofft, den Partner oder die Partnerin dadurch umzustimmen. Denn dann ist der Sex nicht mehr Ausdruck von gegenseitiger Liebe, sondern wird vielmehr instrumentalisiert und benutzt. Der Sex wird zur Ware und das tut keinem von Beiden gut. Egal, wie es weitergeht, es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Streit und Sex sorgen für Lebendigkeit in der Beziehung

Streiten ist gut, denn dadurch werden Grenzen abgesteckt. Man muss sich für die eigene Meinung stark machen und aushandeln, inwieweit man dem Anderen entgegen kommt. Das stärkt auch die eigene Autonomie in der Beziehung. Sex ist dabei eine tolle Möglichkeit, sich wieder nahe zu kommen und die Beziehung zusätzlich zu festigen. Man driftet auseinander und kommt dann mit mehr oder weniger Karacho wieder zusammen. Streiten und sich lieben bringt Spannung in eine Beziehung. Und das ist gut so. Denn nichts ist langweiliger als Paare, die sich immer und in allem einig sind. Vor allem, wenn es immer nur ein Partner ist, der um des lieben Friedens Willen auf seine eigene Meinung verzichtet.

 

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