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Polyamory: Die Möglichkeit, mehr als nur einen Menschen zu lieben

Allerorten wird heute über Polyamorie geschrieben, gefühlt vor allem in den Medien der jüngeren Generation. Gleichzeitig wird immer wieder die Frage gestellt, ob dies nun das Liebesmodell der Zukunft sei: Nicht nur einen Partner oder eine Partnerin lieben zu dürfen sondern mehrere. Diejenigen unter uns, die sich schon einmal bei bestehender Partnerschaft zu einem anderen Menschen hingezogen gefühlt haben, werden jetzt vermutlich aufatmen: Diese zusätzliche Liebe ganz offen ausleben zu dürfen, wäre eine unglaubliche Erleichterung für das Gewissen. Denn in der Polyamory gilt Offenheit. Vorbei mit der Geheimniskrämerei. Vorbei mit den Eifersüchteleien. Immer jemanden für die jeweiligen Bedürfnisse zur Verfügung zu haben, erscheint ebenfalls verlockend. Gerade wenn es um Sexualität geht. Will der oder die eine nicht, was ich will, so ist vielleicht der oder die andere dazu bereit. Auch der Partner klammert dann nicht so. Schließlich hat er oder sie ebenfalls eine potentielle kleine Auswahl an Liebespartnern. Bedeutet das nicht auch weniger Verpflichtung? Oder eher mehr?

Gleichberechtigung und Offenheit sind das Fundament

Gleichberechtigte Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen – ist das in unserer Gesellschaft möglich? Seitensprünge und Außenbeziehung sind ja erst einmal nichts Neues. Der Unterschied zur Polyamory besteht nun vor allem in der Offenheit, mit der diese dem Partner oder der Partnerin gegenüber gelebt werden dürfen. Und es bedeutet eben auch, dass beide Partner das gleiche Recht dazu haben. Die übliche Doppelmoral – Männer dürfen, Frauen nicht – entfällt. Das ist gut. Demgegenüber stehen die Besitzansprüche, die wir in der traditionellen Beziehungsform haben. Mein Mann, meine Frau. Damit verbunden sind häufig Eifersucht und Misstrauen, wenn sich einer der Partner mit einem anderen Menschen intensiv austauscht, Zeit verbringt oder sich eben auch sexuell einlässt. In der Monogamie darf das nicht sein. Du gehörst mir, ich gehöre dir. Der Partner oder die Partnerin ist für die Erfüllung aller Bedürfnisse zuständig, egal ob in emotionaler, finanzieller, kultureller oder körperlicher Hinsicht. Dass wir damit nur allzu häufig an unsere Grenzen stoßen, wissen wir alle. Ist Polyamory hier die Lösung? Einer für alle, alle für einen?

Die Regeln in der Mehrfach-Liebe sind klar formuliert: „Polyamory ist ein Beziehungskonzept, das es ermöglicht, sexuelle und/oder Liebesbeziehungen mit mehreren PartnerInnen gleichzeitig einzugehen. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten um den nicht-monogamen Charakter der Beziehungen wissen und diesen befürworten. Offenheit, Kommunikation und Konsensfindung sind zentrale Werte dieser Beziehungsphilosophie und begründen ihren ethischen Anspruch […..].“ Soweit die Definition von Dr. Christian Klesse von der Manchester Metropolitan University. Wenn man das liest, hört sich Polyamory nach Großzügigkeit, gegenseitigem Respekt und Achtung an. Wahre Intimität scheint auch mit mehreren Partnern möglich zu sein, sei es nun in sexueller oder emotionaler Hinsicht. Die totale Erfüllung. Kommunikation ist eine der Grundregeln. Man redet miteinander und findet gemeinsam Lösungen.

Theorie und Wirklichkeit sind ja häufig zwei Paar Schuhe. Und in der Praxis wissen wir, dass schon in der Beziehung zu einem einzigen Partner Probleme auftauchen (können). Wie schwierig ist es, eine Basis in der Kommunikation zu finden. Wie viele Paare reden nicht wirklich miteinander? Und entfallen Eifersucht und Besitzansprüche in der Polyamory tatsächlich? Aus Angst, den Partner zu verlieren, sagt der eine oder die andere vielleicht Ja zu diesem Liebesmodell. Was passiert, wenn nur ein Partner andere Menschen liebt? Was ist mit diesem Ungleichgewicht? Da ist schon ein gutes Selbstvertrauen nötig, um das auszuhalten. Es ist auch eine große Verantwortung, der man sich in der Polyamory stellen muss. Wie offen ist man wirklich? Und was ist mit Safer Sex?

Eine Möglichkeit unter vielen

Polyamory passt zum derzeitigen gesellschaftlichen Wandel: Immer verfügbar sein zu müssen, alles können zu müssen, immer Lust haben zu wollen. Anderseits wünschen wir uns in der heutigen Zeit auch Konstanz gerade in der Beziehung. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen stehen, in denen über eine Kürzung von Hartz IV bei Alleinerziehenden diskutiert wird, sehnen sich die Menschen nach etwas Beständigkeit in ihrem Leben. Die Familie als Rückzugsort und emotionaler Puffer. Und es ist die junge Generation, die sich heute wieder früh fest bindet und von der großen Liebe träumt. Polyamory als Liebeskonzept der Zukunft? Nein, keinesfalls. Zumindest nicht für alle. Sie ist eine von vielen Möglichkeiten, die uns heute offen stehen. Wenn wir es wollen.

 

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Machen soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich krank?

So, Freunde der freien Liebe, aufgemerkt! Die Bundesregierung warnt vor einer Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie HIV und Syphilis. Und spricht in ihrer „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen“ unter anderem auch vom Wandel des Sexualverhaltens durch soziale Netzwerke und Internet-Datingportale. Denn diese würden die Kontaktaufnahme verändern und erleichtern. Wenn man diese Annahme nun als alleinige Schlagzeile verwendete („Mehr Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder HIV durch Dating-Portale“ oder „Tripper durch Tinder“), könnte das für eine Massenpanik sorgen. Immerhin sind wir ja fast alle in sozialen Netzwerken unterwegs. Ganz besonders die junge Generation. Und eine nicht unerhebliche Zahl von uns hat auch schon versucht, über Datingportale eine neue Liebe zu finden. Die einen mit mehr, die anderen mit weniger Erfolg. Hier droht nun also Gefahr. Aber wie konkret ist die wirklich?

Wer sich in Datingportalen umsieht, hat nicht automatisch Sex

Ehrlich gesagt bin ich erst einmal verwirrt. Und das schon länger. Angeblich steigt die Zahl der sexuellen Kontakte, boomt das Geschäft mit dem schnellen und unverbindlichen Sex. Die große Zahl an Internetportalen, die sich auf ebendiese Kontakte spezialisiert hat, suggeriert das ebenfalls. Anscheinend hat jeder außer mir einen permanenten Wechsel der Sexualpartner, sei es nun mit oder ohne Partnerschaft. Als seien wir Weltmeister im Fremdgehen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass dem nicht wirklich so ist. Und das kann ich auch belegen.

Der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt hat, allerdings schon 2006, in einer Studie festgestellt, dass nur 1 bis zwei Prozent aller Sexualkontakte seiner 776 Befragten Seitensprünge waren. Hochgerechnet findet man sieben Seitensprünge in 100 Beziehungsjahren. Oder, wie er schreibt, haben fest liierte Großstädter im Alter von 30 bis 60 Jahren im statistischen Mittel alle 13 Jahre eine sexuelle Außenbeziehung. Datingportale hin oder her. Dabei stellte sich übrigens auch heraus, dass gerade die 30-Jährigen es besonders streng sahen mit der Treue. Ok, die sind heute Mitte vierzig. Aber was macht die Jugend heute? Legt ein vorbildliches Verhütungsverhalten an den Tag. Auch dazu noch einmal die BzGA: „Beim ‚ersten Mal’ schützen sich über 90 Prozent vor ungewollter Schwangerschaft. Das am meisten genutzte Verhütungsmittel ist das Kondom.“ Und sie warten mit diesem ersten Mal auch lieber solange, bis sie den richtigen Partner gefunden haben. Ok, hier ist für STI also nicht so viel zu holen. Datingportale hin oder her.

Nun könnte man ja denken, na gut, wenn die Paare und die Jugend doch nicht so umtriebig sind, wie wir dachten, dann sind es eben die Singles, die gefährdet sind. Und natürlich gab es die auch in der erwähnten Studie. Aber nur ganze vier Prozent davon gehören der hemmungslos herumvögelnden Spezies an! Und das wiederum deckt sich mit eigenen Erfahrungen zu dem Thema. In der Vorbereitung für einen Vortrag über Single-Sexualität befragte ich eine ganze Weile lang alle möglichen Singles zu ihrem Liebesleben. Fakt: Alle hätten gern Sex. Doch kaum einer wollte nur vögeln, die meisten warteten lieber auf den richtigen Partner. Sex mit Liebe ist das Motto. Datingportale hin oder her.

Eine neue Form der Kontaktaufnahme bedeutet nicht, dass alle gefährdet sind

So, wir treiben es also gar nicht so wild. Und sind dabei auch noch gut informiert über Safer Sex. Und tatsächlich haben wir es zum Beispiel bei HIV mit einer sinkenden Zahl von Neuinfektionen zu tun. Die BzGA geht von weltweit 35 Millionen Menschen aus, die heute mit HIV und AIDS leben. Dies sei jedoch nicht mit einer steigenden Zahl von Neuinfizierten zu begründen. Dahinter verberge sich vielmehr, dass immer weniger Menschen dank eines verbesserten Zugangs zu antiretroviraler Therapie sterben. Im Gegenteil konnte die Zahl der Neuinfektionen sogar drastisch gesenkt werden: Von 2,7 Millionen in 2010 auf 2,1 Millionen in 2013, dem damit bislang niedrigsten Wert in diesem Jahrhundert. In Deutschland lebten Ende 2013 rund 80.000 Menschen mit einer HIV-Infektion und die Zahl der geschätzten Neuinfektionen lag bei 3.200 Fällen. Bei Syphilis sieht die Sache zugegebenermaßen schon anders aus. Denn hier steigt die Zahl der Neuinfektionen tatsächlich. Hier gibt es seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg. 2014 gab es mit 5722 Neudiagnosen neuen Höchstwert.

Nun muss man dazu aber eines sagen: HIV, AIDS und Syphilis sind STI, die sich schwerpunktmäßig in der Schwulenszene finden. Laut BzGA erfolgten nach Schätzungen etwa drei Viertel der HIV-Neuinfektionen in 2013 bei Männern, die Sex mit Männern haben. Rund 20 Prozent kamen über heterosexuelle Kontakte zustande. Bei Syphilis ist die Lage noch eindeutiger: Hier gehen rund 84 Prozent laut des Robert-Koch-Instituts auf das Konto homosexueller Sexualkontakte. Ungeschützter Analverkehr ist die Nummer Eins bei der Übertragung von HIV. Und wer sich erst einmal mit einer Grunderkrankung infiziert hat und nicht darauf achtet, sich trotzdem zu schützen, steckt sich leichter mit der nächsten STI an. Hier scheint das Risikoverhalten auch tatsächlich zu steigen. Bundesweit liegt Berlin mit seinen zahlreichen Clubs, Saunen und Pornokinos bei den Fallzahlen klar vorn. Partywochenenden unter Einfluss stimulierender Drogen wie Crystal seien eine Ursache, heißt es vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG), Prof. Norbert Brockmeyer. Das ist wohl auch damit gemeint, wenn im Bericht der Bundesregierung steht: „Daten und Studien belegen, dass einige sexuell übertragbare Infektionen aufgrund gleicher bzw. ähnlicher Übertragungswege gehäuft in bestimmten Gruppen vorkommen.“

Ruhig Blut, alles halb so wild

Ja, die Kontaktaufnahme wird durch soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich verändert. Aber erleichtert? Wir können uns zwar jeden Tag mit einem anderen Menschen treffen. Dafür gibt es auch genügend Portale, in denen sich für jede Vorliebe etwas findet. Doch nur weil immer mehr Menschen in sozialen Netzwerken und auf Datingportalen unterwegs sind, bedeutet das nicht, dass sie auch alle Sex haben. Wir wissen nicht wirklich, aus wie vielen solchen Kontakten (ungeschützter) Sex hervorgeht. Nicht einmal die, die das gern so hätten. Beispiel Tinder: Für so manchen reicht schon das Glücksgefühl, überhaupt auch nur ein Match zu haben. Wow, da hat mich jemand beachtet! Wäre das alles so einfach, hätten wir nicht elf Millionen Singles in Deutschland. Viel schlimmer finde ich, dass sich beispielweise die sehr unangenehmen Clamydien oder Gonorrhö, umgangssprachlich Tripper, aufgrund von Resistenzen teilweise nicht mehr mit Antibiotika behandeln lassen. Gegen den hemmungslosen Gebrauch von Antibiotika sollten wir etwas unternehmen, denn deswegen wird die Zahl an Neuinfektionen sicherlich ansteigen.

 

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Helmut Schmidt und der Seitensprung

Kaum war mein Artikel über den Seitensprung online, kam die Nachricht, Alt-Kanzler Helmut Schmidt habe seine Loki betrogen. In seiner neu erschienen Biographie räumt Schmidt mit seinem Leben auf und da musste das nun auch endlich raus. Und natürlich bietet es allen Grund für großen Schlagzeilen. Am Donnerstag wird der Stern Auszüge aus dem Lebenswerk veröffentlichen. Unser Helmut ist fremdgegangen! Aber warum ist das so eine große Nachricht? Liegt das daran, dass der Alt-Kanzler, mal abgesehen von seinem immensen Zigarettenkonsum, bisher über jede Untat erhaben war? Galt die Ehe von Helmut und Loki bisher als das große Ideal einer lebenslangen Liebe? Immerhin waren die beiden unvorstellbare 68 Jahre miteinander verheiratet. Wahnsinn. Schmidt selber ist mittlerweile ganze 96 Jahre alt, seine Frau starb vor fünf Jahren.

Die Geliebten der mächtigen Männer

1974 beendete Schmidt seine Affäre, kurz bevor er zum Kanzler gewählt wurde. Ein Kanzler hat keine Geliebte, hat er sich wohl gedacht. Ich muss sagen, dass er mir damit imponiert. Denn er stellte seine moralischen Ansprüche an dieses Amt höher als seine Gefühle. Und er scheint diese Frau sogar geliebt zu haben, wenn man der Biographie Glauben schenkt. Sie ihn übrigens auch. Es heißt sogar, sie sei an der Trennung fast zerbrochen. Ich denke da sofort an die Queen, die mir genauso imponiert, die auch ihr privates Glück immer hinter ihr Amt stellte. Allerdings hatte sie wenigstens in Liebesdingen großes Glück und konnte ihren Traumprinzen damals heiraten. Und die beiden sind nach 68 Jahren Ehe immer noch ein Paar. Lebenslange Partnerschaften, die es heute fast nicht mehr gibt. Ausgestorben wie die Dinosaurier.

Liebe ist mehr als Schmetterlinge im Bauch

Warum hat diese Liebe zwischen Loki und Helmut so lange angehalten? Und wie hat sie den Seitensprung verkraftet? Dazu muss man einmal die Verhältnisse von damals betrachten. Heute lechzen wir nach den großen Gefühlen, erwarten permanente Schmetterlingswolken in unserem Bauch, gehen, weil wir glauben, ohne Leidenschaft nicht leben zu können. Aber Liebe ist eben nicht nur ein Feuerwerk der Gefühle. Loki formulierte es 2005 bei Beckmann so: „Mein Mann Helmut und ich, wir waren niemals verliebt in dem Sinne. Verliebtsein ist wie ein Feuer aus Reisig und Stroh. Dreck, Not und Kummer, wie unsere Generation sie erlebt hat, verbinden mehr.“ Und das hat sie 68 Jahre lang verbunden.

Während der Affäre habe Loki ihrem Ehemann die Trennung angeboten. Aber das kam nicht in Frage. Weder für eine deutsche Ehe, erst recht nicht für einen angehenden Kanzler. Heute leben wir ohne Trauschein zusammen und wenn wir heiraten, können wir uns wieder scheiden lassen. Das kostet Geld und Nerven. Aber damals? Geschieden? Das war ein Stigma. Aber sowas von. Ehebruch wurde bis 1969 sogar juristisch geahndet! Und Ehen wurden nicht nur aus Liebe geschlossen. Oft standen wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe dahinter. Deswegen gab es damals auch so viele Geliebte. Männer, die es sich leisten konnten, hatten irgendwo ein mehr oder weniger ernsthaftes Außenverhältnis. So ungewöhnlich war das mit der Affäre bei Helmut Schmidt also gar nicht. Eher der Trend. Und die Ehefrauen mussten damit leben. Immerhin waren sie ja auch wirtschaftlich abhängig. Auch deswegen kam eine Scheidung in den meisten Fällen nicht infrage.

Man muss nicht alles wissen

So ganz kann man die Werte und Moralvorstellungen der Zeit, in der man aufgewachsen ist, nicht über Bord werfen. Deswegen bin ich froh, dass Loki Helmuts Geständnis an die Öffentlichkeit nicht mehr miterleben muss. Es erfordert Stärke, um einen solchen Vertrauensbruch zu verzeihen. Aber wenn dann das Private so an die Öffentlichkeit gezerrt wird, ist das schmerzhaft, egal, wie lange es her ist.

 

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Rettet Fremdgehen die Beziehung?

Mein Bruder ist ein feiner Kerl. Ehrlich, freundlich und weitestgehend vorurteilsfrei. Und weil ich seinen gesunden Menschenverstand so schätze, habe ich ihn neulich gefragt, was er denn vom Fremdgehen hält. Ohne nachzudenken sagte er geradeheraus: „Nein, damit könnte ich nicht leben. Ich könnte meiner Frau nie wieder in die Augen blicken.“ Das ist doch einmal eine klare Ansage. Kein „Naja, wenn es nur ein einziges Mal wäre“ oder „Wenn sie mich immer wieder abweist, hole ich mir das eben woanders“, kein „Abwechslung muss sein“, „Gelegenheit macht Diebe“ oder ähnliches, womit so mancher sein Verhalten erklärt. Für meinen Bruder ist es ganz klar eine Frage des Gewissens und nicht der Lust. Aber was ist es nur, das Treue für die einen zur Ehrensache und für die anderen zur Last macht?

Zahlen, Daten Fakten

Verlässliche Zahlen gibt es tatsächlich keine. Wie auch, ist doch Fremdgehen für jeden etwas anderes. Für die einen beginnt es beim Küssen oder beim Fummeln und bei anderen erst beim Geschlechtsverkehr. Oder beim Besuch im Swingerclub, wenn der Partner nichts davon weiß. Und so mancher flippt aus, wenn er merkt, dass da jemand anders für intime Gespräche zuständig ist. Das tut weh und verletzt. Wenn man sich die Medien ansieht, scheint Fremdgehen jedoch populär zu sein. Je nach Umfrage haben bis zu 60% Prozent ihren Partner schon einmal betrogen. Das hört sich dramatisch an. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass gern danach gefragt wird, ob man schon jemals betrogen hat. Je älter der Befragte, desto eher die Wahrscheinlichkeit, auf ein Ja zu stoßen. Dagegen steht, dass 90% der in einer Studie der Uni Hamburg Befragten sich Treue wünschten. Die Jüngeren waren in dieser Hinsicht übrigens besonders streng. Im statistischen Mittel haben fest liierte Großstädter am Ende alle 13 Jahre eine meist kurzfristige Affäre. Das hört sich doch schon viel weniger dramatisch an. Statistiken haben es eben an sich, dass Zahlen so oder so interpretiert werden können, je nachdem, wie man fragt und welche Botschaft man transportieren möchte.

Auf der Suche nach den Ursachen

Darf man fremdgehen? Zerstört es die Beziehung oder rettet es sie gar? Darüber zerbrechen sich die Gelehrten die Köpfe. Evolutionsforscher gehen der Frage auf den Grund, indem sie herauszufinden versuchen, was denn der Rest der Tierwelt macht. Tja, da gibt es Tiere wie die niedlichen Schimpansen, die notorisch fremdgehen und Tiere wie Gibbons und die meisten Vogelarten, die notorisch treu sind. Hilft nicht wirklich weiter. „Früher waren die Menschen Sammler und Jäger“ ist eine andere Herangehensweise. Ich möchte aber mal behaupten, dass wir mehr sind als die Summe unserer Gene und im Gegensatz zum Tierreich auch mit einem Gewissen ausgestattet sind. Es gibt ganz einfach kein Fremdgeh-Gen, das erklärt, warum manche Menschen ihre Partner betrügen und andere treu bleiben. Und selbst wenn es eines gäbe, wäre diese Existenz keine Rechtfertigung, denn Gene haben nun einmal die Eigenschaft, auf Umwelteinflüsse zu reagieren und sich an- oder auszuschalten.

Es gibt ganz klar gesellschaftliche, kulturelle und psychologische Einflüsse, die sich auf das Sexualverhalten auswirken. Wenn ich sowieso schon immer denke, dass ich zu kurz komme, ist die Wahrscheinlichkeit, mir das zu holen, was mir zuzustehen scheint, mit Sicherheit größer. Wenn ich in einem Umfeld aufwachse, wo es mit Treue und Ehrlichkeit nicht so genau genommen wird, scheint mir das Betrügen vielleicht gar nicht so schlimm zu sein. Wenn es in der Gesellschaft, in der ich lebe, dazu gehört, Liebhaber oder Liebhaberinnen zu haben, ist es ganz normal, wenn ich das auch mache. Und wer seine Impulse ohnehin nicht gut unter Kontrolle hat, wird nur schwer Nein sagen können, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ethnologen behaupten, dass es in ganz Afrika keine Ethnie gibt, bei der monogam gelebt wird. So mancher sagt, ohne Sex könne er oder sie nicht leben. Auch da sind wir alle ganz unterschiedlich. Das erinnert mich an ein Gespräch mit einem Berliner Taxifahrer. Der erzählte mir, dass seine Frau schon als junges Mädchen zwangsverheiratet und von ihrem viel älteren Mann aufs Schlimmste vergewaltigt worden sei. Sex sei deshalb bis heute nicht möglich. Auf meine Frage, ob er sie trotzdem liebe und zu ihr stehe, bekam der Mann glänzende Augen und sagte „Oh ja!“. Das Gespräch hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube nicht, dass er seine Bedürfnisse woanders auslebt.

Es gibt keine einfache Ja/Nein-Lösung

Natürlich gibt es Menschen, die sich ihrer selbst und der Beziehung so sicher sind, dass Außenbeziehungen erlaubt sind. Dann ist das auch kein Betrügen. Aber ganz ehrlich, die meisten von uns sind doch nicht so souverän. Viel zu schnell sind da Eifersucht und die Unsicherheit, ob der Partner auch tatsächlich wieder nach Hause kommt. Fremdgehen rettet nicht die Beziehung. Für die allermeisten Menschen ist und bleibt es ein Vertrauensbruch. Auch wenn wir mit steigender Lebenserfahrung Selbstvertrauen gewinnen und besser damit umgehen können. Ich halte nichts davon, über das Smartphone herauszufinden, wo sich der Partner oft aufhält. Das schürt nur das offensichtlich sowieso schon vorhandene Misstrauen und führt schnell zu Missverständnissen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Sex nicht die Basis einer Beziehung bildet. Wenn man sich trennt, mag fehlender oder schlechter Sex eine Ausrede sein. Am Ende steckt aber meist viel mehr dahinter.

 

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