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Partnerschaft: Wohin führt uns der Weg?

Obwohl wir wissen, das die Menschheit im Verhältnis zur Lebenszeit des Universums erst einen Wimpernschlag auf der Erde verweilt, neigen wir gern zu der Aussage: „Das war doch schon immer so!“ Schon immer gab es die Prostitution, schon immer waren die Menschen Jäger und Sammler, schon immer hat Hamburg rot gewählt. Schon immer? Manchmal stimmt das ja auch. Aber manchmal eben auch nicht. Kindheit als Lebensphase des Lernens und der Erziehung beispielsweise ist eine Erfindung des Bürgertums. Vorher waren Kinder billige Arbeitskräfte und mussten arbeiten, sobald sie in ganzen Sätzen sprechen konnten. Aha, da sieht man schon, das war nicht nur nicht immer so, es ist auch heute in vielen Teilen der Welt nicht so. Mit der Liebe und Beziehungen ist es auch so eine Sache. Die waren nämlich auch nicht schon immer so. Und sie sind beileibe nicht überall auf der Welt so wie bei uns. Und hier hat sich auch schon viel verändert. Die Frage ist, wohin uns der Weg führt und wie sich Beziehungen an gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen anpassen.

Ein Blick zurück in die Geschichte

Wenn wir uns ansehen, wie sich der Weg zu unserem heutigen Verständnis von Ehe und Liebe entwickelte, können wir uns besser vorstellen, dass es da tatsächlich weiterhin Veränderungsmöglichkeiten gibt. Die Vorläufer unseren heutigen Vorstellungen von der Ehe stammen aus der Zeit des Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Bis dahin arbeiteten, lebten und schliefen alle zusammen im „Ganzen Haus“: Eheleute, Kinder, Gesinde. Für uns heute kaum vorstellbar, wuchsen die Kinder zu dieser Zeit übrigens eher beiläufig auf. Eine große emotionale Bindung gab es nicht. Dies trug laut des Sexualforschers Gunter Schmidt auch zu der hohen Kindersterblichkeit bei. Dann bildete sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung die Kleinfamilie heraus. Arbeiten und Wohnen wurden getrennt. Unter einem Dach gab es nur noch zwei Erwachsene, die einen Haushalt führten. Und damit erst entwickelte sich die emotionale Bindung nicht nur zum Ehepartner sondern auch zu den Kindern. Waren es bis dahin vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Menschen aneinander banden, wurden im Laufe der Zeit Gefühle als Basis einer Ehe immer wichtiger. Der Partner wurde einzigartig und gewann immens an Bedeutung. Es entwickelte sich langsam das Ideal der tiefen, aber auch „vernünftigen“ Liebe zu diesem einen Menschen. Und damit entwickelte sich auch erst das Ideal von Sexualität als Ausdruck von Nähe, Intimität und Leidenschaft. Dass Liebe und Leidenschaft die alleinige Basis einer Partnerschaft bilden, ist jedoch eine Entwicklung unserer modernen Zeit. Und das Problem damit kennen wir (fast) alle.

…bis dass der Tod euch scheidet?

Niemand, der heute heiratet, geht davon aus, dass diese Ehe nur ein paar Jahre halten wird. Wozu sonst wäre der ganze Aufwand wert? Ideal wäre doch eine Liebe, die so lange hält, bis einer der beiden zu Grabe getragen wird. Zwar gibt es Paare, die vor allem aus steuerlichen Gründen heiraten. Die meisten anderen jedoch suchen diesen einen Ort, an dem sie sich zuhause und sicher fühlen können. Angekommen sein, wo man für den Rest des Lebens bleiben möchte. Gerade steigt die Zahl der Heiratswilligen auch wieder an. Wenn sich nur nicht die äußeren Bedingungen immer wieder ändern würden und Liebe nicht so ein enorm fragiles Gefühl wäre. Und so sprechen die Zahlen gegen die Liebe auf ewig. Laut statistischem Bundesamt werden 35% aller in einem Jahr geschlossenen Ehen innerhalb der nächsten 25 Jahre geschieden. Nun gut, könnte man meinen, 25 Jahre sind ja auch schon eine lange Zeit. Da kann man Häuser bauen und Kinder großziehen. Es scheint allerdings das sechste Jahr zu sein, an dem die meisten Ehen scheitern. MHD sechs Jahre? Monatelange Vorbereitungen, Kosten in Höhe eines mehr oder weniger großen Kleinwagens und dann so schnell der Stress einer Scheidung? So ganz glauben die meisten auch nicht mehr an die lebenslange Ehe. Das sieht man auch daran, dass der Satz „…bis dass der Tod euch scheidet“ still und heimlich aus den Treueschwüren vor dem Altar verschwindet. Liebe und Leidenschaft reichen als Basis für ein jahrzehntelanges Zusammenbleiben leider nur in den seltensten Fällen aus.

Scheidung ist ein Privileg der Neuzeit

Heute brauchen wir keinen Trauschein mehr für das Zusammenleben. Dass das allerdings auch große rechtliche Nachteile haben kann, merkt so mancher erst, wenn der Partner oder die Partnerin vorzeitig stirbt und man dann eben formal nicht zur Familie gehört. Auf der anderen Seite können heute Homosexuelle heiraten. Die Sache mit den gleichen Rechten für alle schaffen wir auch noch. Da bin ich zuversichtlich. Dass wir uns heute trennen und scheiden lassen können, halte ich für ein Privileg, das die Generationen vor uns nicht hatten. Ich muss da gerade an Heinrich den VIII. denken, der gleich ganz England aus der katholischen Kirche riss, nur um seine neue Liebste heiraten zu dürfen. Heute ist eine Scheidung eine persönliche Tragödie, die frischgebackene Alleinerziehende häufig in den Bezug von Hartz IV treibt. Aber es ist möglich und wird gemacht. Wir sind nicht mehr unter allen Umständen an den einen Partner gebunden. Trotzdem wird diese Zweier-Konstellation weiterhin von allen Seiten promoted. Partnerbörsen, Soaps, Liebesfilme. Modelle wie die Polyamory bleiben eine Randerscheinung. Wir wollen schließlich nur den einen Partner lieben und von ihm oder ihr geliebt werden. Wir wollen eine Sicherheit, die es de facto nicht gibt.

Ehe auf Zeit

Das klassische Modell hat also seine Macken. Vielleicht brauchen wir etwas Neues. Was es nicht geben kann, ist die EINE ultimative Beziehungsform, die für alle Menschen die Beste wäre. Wie auch? Aber ich habe da eine Idee: Wie wäre es mit der Ehe auf Zeit? Man legt sich bei der Hochzeit auf eine bestimmte Dauer fest. Zwei Jahre, fünf Jahre, zehn Jahre. Und dann schaut man vor dem Ablauf der Zeit gemeinsam, ob man verlängern möchte oder nicht. Das könnte man direkt mit einem Coaching verbinden. Was lief gut, was weniger, was wollen beide Partner für die Zukunft? Gibt es eine weitere Basis? Allein das Wissen, dass der Partner oder die Partnerin nicht für ewig da ist und womöglich eine eigene Entscheidung treffen wird, könnte die Sache spannend werden lassen. Denn wir wollen ja immer gerade das haben, was uns nicht gehört. Nur dann können wir dauerhaft begehren. Und dauerhaftes Begehren ist die Basis unserer heutigen Beziehungen. Was meint Ihr? Völliger Blödsinn? Oder könnte man darüber nachdenken?

 

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„Hallo, hier ist Erika Berger. Wer spricht?“ Ein Nachruf

Die ganz Großen sterben gerade wie die Fliegen. Und so manch einer hat sich schon gefragt, welche Art Band da oben wohl gerade zusammengestellt wird: Lemmy Kilmister, David Bowie, Prince, Roger Cicero. Welche Musik soll denn da bitteschön herauskommen? Und bevor nun auch die entsprechenden Damen Aufnahme in der Himmelsband finden – und über kurz oder lang wird es dazu kommen -, hat sich am vergangenen Sonntag jemand gedacht, da holen wir uns doch erst einmal die Erika. Sex & Drugs & Rock’n Roll, heißt es doch schließlich. Und diese Dame wird denen schon zeigen, wo es lang geht. So wie sie es mit den Deutschen ab 1987 in ihrer Show „Eine Chance für die Liebe“ getan hat. Denn während Prince mit seinen sexuell mehr oder weniger deutlich angehauchten Texten meine jugendliche Fantasie beflügelt hat, sprach Erika Berger als erste öffentlich über die Themen Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Damit kann man heute ja kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Damals aber war das unglaublich! JEDER kannte diesen Namen!

Dr. Sommer für die Erwachsenen

Plötzlich war sie da, eine Journalistin, die ungezwungen über alles plauderte und die Dinge beim Namen nannte. Penis, Vagina! Diese Worte wurden ja noch nicht einmal zuhause ausgesprochen, geschweige denn im Fernsehen. Die 80er waren die Zeit der Neuen Deutschen Welle, der Atomkraft und der düsteren Zukunftsprognosen. Sex war kein öffentliches Thema. Wir Pubertierenden rannten jeden Donnerstag zum Kiosk, um uns die Bravo zu kaufen. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt natürlich der Dr. Sommer-Beratung. Wo sonst sollten wir alle die Informationen herbekommen, die uns so brennend interessierten? Sexualpädagogik gab es nicht, in der Schule gab es mit Glück ein paar biologische Grundlagen. Und von unseren Eltern? Die hatten ja zumeist selber keine Ahnung. Schon deshalb war Erika Berger ein wahrer Segen.

Sie war der Dr. Sommer der Erwachsenen. Man muss sich das einmal so vorstellen: Erika Bergers Zielgruppe, die Generation der damals Erwachsenen, die Nachkriegsgeneration, kannte in den meisten Fällen überhaupt keine Aufklärung. Das Thema wurde totgeschwiegen. Es gab keine Gespräche, in denen Kinder und Jugendliche an die großen Themen der Liebe herangeführt wurden. Nicht wenige Mädchen gerieten deshalb in Panik, wenn die erste Regel einsetzte. „Nun bist du eine Frau“, war oft alles, was den Müttern über die Lippen kam. Kein Wunder, dass auch Erika Berger selbst als junges Mädchen nach dem ersten Kuss befürchtete, nun schwanger zu sein. Man redete einfach nicht darüber. Als Erika Berger auf Sendung ging, hatte sie Zuschauer, deren Sexualität überwiegend schambesetzt war, besonders die der Frauen. Sex vor der Ehe war in dieser Generation nicht üblich, Schwangerschaften vor der Ehe noch verheerend. Es gab keinen Austausch, wie das bei anderen Paaren lief. Man konnte nicht mal eben im Internet nach Erektionsproblemen oder Lustlosigkeit suchen. Jeder versuchte, für sich allein klarzukommen. Und plötzlich gab es da ein Ventil namens Erika Berger. Plötzlich konnte alles angesprochen und ausgesprochen werden.

Die drei großen deutschen Aufklärer

Für mich sind es vor allem drei Personen, die in Deutschland den Umgang mit Sexualität nachhaltig veränderten: In der Nachkriegszeit verbreitete Beate Uhse mit ihrer Schrift X die natürlichen Methoden der Schwangerschaftsverhütung und verkaufte später als Erste deutschlandweit Kondome. Heute unvorstellbar, hatten die Menschen in der prüden Zeit der Adenauer-Ära, auch erotische Eiszeit genannt, keine Ahnung von Verhütung. Oswald Kolle schrieb ab den 1960er Jahren Aufklärungstexte und –bücher und drehte ab 1968 die ersten legendären Aufklärungsfilme. Auch seinen Namen kannte damals jeder Deutsche. Zuletzt widmete sich Kolle dem bis heute tabuisierten Thema Sexualität im Alter. Ich selber blicke auf ein interessantes persönliches Treffen bei einem seiner dazugehörigen Vorträge hier in Hamburg zurück. Ja, und dann war da eben auch Erika Berger, die als erste im öffentlichen Rundfunk über alle diese Themen sprach. Auch sie habe ich noch vor zwei Jahren bei einer Veranstaltung getroffen. Wenn wir also heute auf unseren Umgang mit Sexualität blicken, sollten wir dabei immer im Hinterkopf haben, dass der Weg zu so viel Freizügigkeit hart und steinig war. Und es ist so wunderbar, dass heute ganz viele Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen und in unterschiedlicher Form aufklären wollen und dürfen!

Das Foto habe ich gemacht, als ich sie vor drei Jahren auf einer Messe zum Thema Ü 50 traf.

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Liebling, lass uns streiten!

Ich kenne ein Ehepaar, das streitet sich auf eine liebevolle Weise den ganzen Tag. Und ich liebe es sehr, sie dabei zu beobachten. Denn es ist eine besondere Art der Intimität, die sie damit zeigen. Nach vielen Beziehungsjahren sind sie so vertraut miteinander und kennen ihre eigenen und die Schwächen des anderen sehr gut. Aber sie kennen auch ihre Stärken. Sie wissen, was sie zusammenhält und was sie am anderen lieben. Und das ist es, was zählt. Sie bringen sich Wertschätzung entgegen, indem sie dem anderen auch immer wieder sagen, was sie an ihm mögen. Dadurch ist es möglich, dass sie sich mit viel Humor auch immer ein klein wenig über den anderen lustig machen können und trotzdem nie an ihrer Liebe zweifeln. Übrigens machen sie das auch mit mir und ich liebe auch das! Sie können unterschiedliche Meinungen vertreten und trotzdem gemeinsam durchs Leben gehen, weil sie genau das am anderen schätzen – eine eigene Meinung zu haben.

Eine eigene Meinung ist das A und O in einer Beziehung

Denn genau das gibt der Liebe die besondere Würze. Nichts ist langweiliger als zu allem immer Ja und Amen zu sagen. Am Anfang einer Beziehung erscheint die Verschmelzung der Körper und der Seelen reizvoll. Aus zwei wird eins und man wünscht sich nichts so sehr wie diese totale Übereinstimmung. Mit der Zeit merken jedoch die meisten, dass sie wieder ihre eigene Luft zum Atmen brauchen und schaffen etwas Abstand zwischen sich und dem Partner.

Nun gelingt es nicht jedem, sich in einem angemessenen Rahmen auszutauschen und so trägt jedes Paar seine Differenzen anders aus. Bei manchen knallt es, wenn Grenzen abgesteckt und unterschiedliche Meinungen kundgetan werden. Schnell werden Dinge gesagt, die man hinterher am liebsten wieder zurücknehmen möchte. Das ist besonders schwer zu ertragen, wenn man sich noch nicht sicher in der Beziehung fühlt. Versöhnungssex ist dann besonders schön, weil der durch den Streit geschaffene innere Abstand sich auf der körperliche Ebene verringern lässt und man sich auf diese Weise der gegenseitigen Liebe wieder versichert.

Andere Paare streiten sich nie. Aus Rücksichtnahme auf den Partner, aus einem inneren Harmoniebedürfnis heraus oder einfach aus Angst, den Partner zu verlieren, behalten sie oft für sich, was ihnen wichtig ist. Sie leben in einem dauernden Kompromiss, der nach außen erstrebenswert erscheinen mag, nach innen aber dazu führt, dass sich beide Partner in ihren Wünschen beschneiden. Das wirkt sich natürlich auch auf die Sexualität aus. Wer aus Angst vor einem Streit oder Zurückweisung nicht mitteilt, was sie oder er mag, wird keine Erfüllung finden. Denn Gedankenleser gibt es nur in der Fantasie.

Die richtige Streitkultur

Streiten gehört zu einer Beziehung dazu. Auch meine Freunde haben sich früher wild gefetzt. Je länger sie aber zusammen und je sicherer sie sich ihrer Beziehung waren, desto weniger temperamentvoll wurden diese Auseinandersetzungen. Es gibt ein paar einfache Regeln: Hört dem anderen zu, was er oder sie zu sagen hat und nehmt das dann ernst und tut es nicht einfach ab. Versichert euch durch Rückfragen, ob ihr das Problem auch richtig verstanden habt. Sprecht in Ich-Botschaften, sagt also anstatt anklagend „Du schläfst immer viel zu lange“ lieber „Ich würde so gern morgen früh mit dir zusammen frühstücken“. Ernsthafte Probleme lassen sich auch nur selten zwischen Tür und Angel lösen. Da ist es sinnvoll, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten oder zu schaffen. Ein langer Spaziergang bietet sich ganz hervorragend an.

Und wenn ihr wirklich Lust auf wilden Versöhnungssex habt, dann denkt euch doch einfach einen Anlass für einen richtig schönen Streit aus! Gründe gibt es genug, wenn ihr eurer Fantasie freien Lauf lasst J

 

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Schokolade statt Sex

1965 sang Trude Herr: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann!“ 2015 hat sich die Situation komplett verändert. Die Zeitschrift Für Sie startete eine Umfrage und stellte Erschreckendes fest. Heute verzichten von 1000 befragten Frauen 230 lieber auf Sex als auf Schokolade. Das kann ich noch nachvollziehen, liebe ich doch Schokolade auch so sehr. Aber 190 Frauen würden sogar für ein Schaumbad auf Sex verzichten! Also das sollte uns doch nun wirklich zu denken geben! Schaumbad statt Sex? Uns Frauen hingegen würden 62% der Männer für ein gutes Fußballspiel und 72% für ein neues Computerspiel sitzen lassen. Gut, das mit dem Fußball ist mir auch schon einmal passiert. Es ist aber auch blöd, wenn man gerade beim entscheidenden Pokalspiel Lust bekommt. Man sollte eben nie versuchen, mit einer zeitlich klar begrenzten Lieblingsbeschäftigung zu konkurrieren. Schokolade, Schaumbad, Fußball – was ist denn da nur passiert?!

Wie das Fernsehen unsere Vorstellungen prägt

Unsere Erwartungen an den partnerschaftlichen Sex sind hoch. Eigentlich soll es gern jedes Mal der ganz große Knall sein. Und wenn wir uns einmal in den Medien umsehen, scheint es so zu sein, als wäre Sex ein Allheilmittel. Nicht nur dass er – regelmäßig ausgeübt – gesund ist und die Lebenserwartung steigert. Nein, er schweißt auch zusammen. Es wird suggeriert, dass Sex ein immerwährender Quell der Lust und Leidenschaft sei. Unabhängig von der Qualität einer Beziehung. Unabhängig von der ursprünglichen Funktion von Sex, nämlich der Fortpflanzung – die für viele Menschen zu bestimmten Zeiten im Leben von elementarer Bedeutung ist. Und auch unabhängig von dem Können des Liebhabers und der Liebhaberin. Ich möchte das an zwei unterschiedliche Genres festmachen:

  1. Shades of Grey war gestern. Heute ist Outlander. Die ganz große Liebesgeschichte mit allem, was das Frauenherz begehrt: Begehren, Lust, Liebe, Vertrauen, Romantik. Erst waren es die vielen Bände der Highland-Saga, die verschlungen wurden. Dann war es die TV-Serie, die es im Sommer mittwochs ab 20:15 Uhr fast unmöglich macht, sich mit einer Freundin zu verabreden. Es ist aber auch zu schön, was wir da sehen! Kurz hatte ich mich gefragt, ob das nicht schon in die Kategorie Softporno fällt. In Wollust miteinander verschlungene perfekte Körper, die sich bei jeder Gelegenheit genussvoll gegenseitig entdecken, miteinander spielen und dann miteinander schlafen. Hier haben wir die erste Stolperfalle: Wir dürfen nicht vergessen, dass die beiden gerade am Anfang ihrer Beziehung bzw. Ehe stehen. Statistisch belegt ist, dass sich die sexuelle Aktivität schon im ersten Beziehungsjahr von 10 bis 12 Mal im Monat auf 7 bis 8 Mal halbiert. Nach 6 bis 10 Jahren liegen wir bei 5 Mal Sex im Monat. Danach bleibt die Zahl der sexuellen Begegnungen ziemlich konstant. Erst nach 30 Jahren geht es noch einmal etwas runter auf 3 Mal.
  1. Die erigierte Welt der Pornografie. Hier wimmelt es nur so von großen Schwänzen und feuchten Muschis. Lust und nackte Tatsachen, wohin das überwiegend männliche Auge blickt. Beziehungen, Intimität und Nähe spielen keine Rolle. Das ist sozusagen der Gegensatz zur Highland-Saga. Es wird gevögelt, was das Zeug hält. Da gibt es keine sexuellen Probleme wie ausbleibende Orgasmen, fehlende Lust und sexuelle Langeweile, Erektionsstörungen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Es wird auch nicht unbedingt geredet und gelacht. Niemand fühlt sich unattraktiv und gehemmt. Nein, hier geht immer alles. Und beide – oder alle, je nach Genre – haben gleich viel Lust und ein gemeinsames Ziel: Kommen und abspritzen. Nun könnte man meinen, das seien doch nur Pornos und keine Realität. Leider beeinflusst uns der regelmäßige Konsum aber viel mehr als wir wahr haben möchten. Wie oft denken Männer, ihre Penisgröße sei nicht ausreichend für befriedigenden Sex. Und wie oft führt eine einzige ausbleibende Erektion vor lauter Erfolgsdruck zu weiteren misslichen Situationen und damit zu einer ernsthaften sexuellen Funktionsstörung? Wie viele Männer und Frauen setzen sich unter Druck, nur ja einen weiblichen Orgasmus bei der Penetration zu erreichen? Im Porno klappt das ja scheinbar auch.

Immer so viel Sex und Lust wie am Anfang einer Beziehung? Fehlanzeige. Immerwährende sexuelle Potenz? Fehlanzeige. Der große Knall jedes Mal? Fehlanzeige. 95% aller heterosexuellen Begegnungen laufen in der Realität auf den vaginalen Geschlechtsverkehr hinaus. Das bedeutet aber im Klartext: Erektion und Orgasmus werden fast jedes Mal erwartet, wenn ein Paar erst einmal mit Sex angefangen hat. Und da soll kein Druck entstehen? Und keine Erwartungshaltung? Da lassen wir doch lieber gleich die Finger davon und essen stattdessen Schokolade. Was können wir aber machen, wenn wir das verändern wollen? Unsere Erwartungshaltung ändern. Sex kann auch schön sein, ohne Penetration und Höhepunkt. Denn Sexualität ist eben nicht nur Lust, Erregung und Orgasmus. Sexualität befriedigt auch die menschlichen Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit. Ganz ohne Druck.

 

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Let’s talk about sex

Let’s talk about Sex

Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen auch heute noch an Gedankenübertragung glauben. Nicht nur, wenn es um Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke geht. Nein, vor allem auch beim Sex. Der oder die Liebste sollte möglichst ganz von allein wissen, wie er oder sie es dem anderen am Besten macht. Wo welche Berührung schön ist, wie fest oder hart, wann es losgehen darf und dabei bitte auch schön die richtige Stimmung erspüren. Nicht selten führe ich Unterhaltungen dieser Art: „Der Sex mit meinem Mann ist ja ganz nett, aber einen Orgasmus bekomme ich nur selten.“ „Sagen Sie ihm denn, was er machen soll?“ Prompt kommt ein empörtes „NEIIIIN! Das muss er doch von allein wissen!“ Dass es dabei schon mal zu Missverständnissen kommen kann, ist vorprogrammiert. Über die Hälfte der Deutschen fühlt sich unsicher im Bett und über die Dunkelziffer vorgespielter Orgasmen möchte ich gar nicht erst nachdenken.

Laut einer Parship-Studie von 2013 reden zwar 60% der Deutschen offen über ihr Intimleben. Aber nur mit anderen, bloß nicht mit dem Partner. Die beste Freundin oder der beste Freund wissen oft mehr über die geheimen Wünsche und Fantasien als der eigene Partner. Wieso eigentlich? Warum ist es so schwer, ausgerechnet mit dem, der an der ganzen Sache so maßgeblich beteiligt ist, über Sex zu reden?

Sechs einfache Regeln und schon klappt’s auch mit dem Sex

Viele Menschen haben Angst, mit ihren sexuellen Wünschen auf Ablehnung zu stoßen, sich zu entblößen. Ganz besonders, wenn sie lange Zeit nichts gesagt haben und die Situation eingefahren zu sein scheint. Aber es ist immer besser, mutig zu sein als dauerhaft unzufrieden. Es lohnt sich wirklich, offen über Gefühle, Wünsche, Fantasien und Vorlieben zu sprechen. Sex ist einfach mehr als die körperliche Vereinigung zweier Liebender. Sex bedeutet auch Nähe und Intimität. Und nur, wenn die eigenen Bedürfnisse respektiert und befriedigt werden, kann der Sex dauerhaft lustvoll und aufregend sein. Etwas Fingerspitzengefühl ist schon erforderlich. Aber so schwierig ist das Reden gar nicht, wenn man ein paar einfache Regeln beachtet:

  • Niemals im Bett diskutieren und schon gar nicht direkt nach dem Liebesspiel. Das kann zu schnell als negative Kritik aufgefasst werden. Besser ist eine neutrale Situation wie ein Essen im Restaurant oder ein ausgedehnter Spaziergang.
  • Positive Bestärkung wirkt wahre Wunder und steigert die Gesprächsbereitschaft enorm. Deshalb sollten Gespräche über Sex immer mit etwas Schönem beginnen. Wer hört nicht gern „Ich liebe es, mit dir zu schlafen.“ Danach darf dann auch gern ein kleiner Verbesserungsvorschlag folgen.
  • Worte wie „niemals“ oder „immer“ sind in Diskussionen grundlegend zu vermeiden. Da sollte man sich schon präzise ausdrücken und konkrete Situationen oder Handlungen ansprechen. Profis sprechen zudem in sogenannten „Ich-Botschaften“. Das lautet dann zum Beispiel so: „Ich wünsche mir, dass du meine Klitoris wenigstens fünf Minuten streichelst“ oder „Es macht mich an, wenn du mir beim Sex in die Augen schaust“.
  • Vorschläge machen, ohne Druck auszuüben. Denn wenn wir die Wahl haben und selber entscheiden können, sind wir auch beim Sex zu vielem viel eher bereit. „Was hältst du davon, wenn wir eine neue Stellung ausprobieren?“ „Wie wäre es, wenn du meinen Penis etwas fester anfässt?“ Damit kann man auch prima aus den angesprochenen eingefahrenen Situationen herauskommen, ohne den anderen zu verletzen.
  • Anstatt lange zu warten, bis der Partner darauf kommt, darf man auch gern selber die Initiative ergreifen. Wie wäre es, wenn Sie mit einem duftenden Massageöl in der Hand eine Massage anbieten oder die Verführung selber in die Hand nehmen?
  • Wer nun gar keine Worte findet, kann auch zeigen, was sie oder er möchte. Das geht über geführte Berührungen bis hin zur Selbstbefriedigung. Besonders Männer sind sehr davon angetan, ihrer Partnerin zuzusehen, wie sie sich selber Lust verschafft.

 

Copyright by Parship, veröffentlicht auf http://www.beziehungsweise.de/ratgeber/sex-erotik/lets-talk-about-sex/

Wann ist zu früh zu früh? Der BMI und die vorzeitige Ejakulation

Ok, jetzt ist es amtlich. Dicke Männer sind besser im Bett. Zumindest werden die Ergebnisse der Studie der türkischen Erciyes University von den Medien gern in diese Richtung interpretiert. Denn in der Studie mit Männern zwischen 21 und 54 Jahren stellte sich heraus, dass diejenigen mit einem höheren Body Mass Index, also einem höheren Körpergewicht, weniger häufig unter einem lebenslangen vorzeitigen Samenerguss leiden als normalgewichtige Männer. Als Ursache hierfür wird ein erhöhter Anteil an weiblichen Sexualhormonen verantwortlich gemacht. Je schlanker ein Mann, desto größer also die Wahrscheinlichkeit, dass er an einer dauerhaften Sexualstörung leidet. So zumindest die Zahlen.

Man muss sich hier natürlich erst einmal die Frage stellen, was „gut im Bett sein“ eigentlich bedeutet. Und das ist gar nicht so einfach, denn das sieht ja jeder anders. Während viele Männer eher fixiert auf den Geschlechtsverkehr und seine Dauer sind und sich damit schon selber unter Druck setzen, gewinnen Frauen auch Hand- und Zungengeschicklichkeit sehr viel ab. Und mal ganz abgesehen von der Technik spielen ja nun auch Gefühle eine wesentliche Rolle beim Liebesspiel.

Die Schwierigkeit der Definition

Was genau ist eigentlich ein lebenslanger vorzeitiger Samenerguss? Schon die Frage, was man überhaupt unter einem vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio Praecox, EP) versteht, lässt sich tatsächlich nur schwer beantworten, da hierbei das subjektive Empfinden und kulturelle Gegebenheiten eine wesentliche Rolle spielen. Insgesamt gibt es derzeit neun verschiedene Definitionen, angefangen bei „früher als die Person es wünscht“ – was auch schon mal eine halbe Stunde sein könnte, falls die zeitliche Messlatte durch Pornokonsum oder kulturelle Gegebenheiten sehr hoch liegt – bis hin zu 15 Sekunden nach Eindringen in die Vagina (homosexuelle Kontakte sind übrigens in keiner der Definitionen enthalten). Aber wer kann das schon so genau messen? Das ist eine weitere große Schwierigkeit bei der Diagnose, denn das Zeitgefühl beim Geschlechtsverkehr ist ohnehin verändert und wird zudem auch noch von beiden Partnern unterschiedlich wahrgenommen.

Was bleibt, ist zweierlei: Wenn die Ejakulation schon vor dem Eindringen in die Vagina eintritt, währenddessen oder sofort danach, spricht man sicher von einem vorzeitigen Samenerguss. Hinzu kommen der daraus resultierende Leidensdruck und Beziehungsprobleme. Über die Hälfte der Männer hat das Gefühl, die Partnerin im Stich zu lassen. Frustration, Wut, Enttäuschung, Schuld, Angst, Verleugnung bilden einen Kreislauf, aus dem ein Paar nur schwer allein herauskommt. Andersherum sind Probleme in der Partnerschaft sehr oft auch der Auslöser für die sogenannte „erworbene“ Ejaculatio Praecox und sie kann schleichend oder plötzlich auftreten. Und auch wieder verschwinden.

Von „lebenslang“ spricht man erst, wenn das Problem schon von der ersten sexuellen Erfahrung an besteht, dauerhaft bei jedem sexuellen Kontakt stattfindet und partnerunabhängig ist. Es wird heute allgemein davon ausgegangen, dass in diesem Fall neurophysiologische Abläufe die Ursache sind. Da selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer die Ejakulation verzögern, bilden diese Medikamente die Basis für die Behandlung dieser Form der EP. Neu ist jetzt der Zusammenhang mit dem Körpergewicht. Vielleicht lassen sich auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse neue Therapieformen entwickeln.

Interessant ist übrigens, dass es die „Krankheit“ Ejaculatio Praecox erst seit den 1960ern gibt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem der weibliche Orgasmus in den Fokus der Öffentlichkeit geriet und es zunehmend wichtig für den Mann wurde, länger zu können und die Frau zu befriedigen. Spannend zu überlegen, ob es auch eine „rechtzeitige“ Ejakulation gibt. Und wäre die dann vor, während oder nach dem Orgasmus der Frau???

Nicht jeder vorzeitige Samenerguss ist gleich eine dauerhafte Sexualstörung

In einer ebenfalls in der Türkei durchgeführten Studie berichtete jeder fünfte Befragte von einem vorzeitigen Samenerguss. Das scheint eine sehr hohe Zahl zu sein. Hierbei muss aber hinterfragt werden, wann genau ein Mann ein Problem für sich definiert. Denn wie wir oben gesehen haben, ist das sehr subjektiv. Eine unkontrollierbare Ejakulation kann im Sexualleben eines Mannes schon mal vorkommen. Das gehört zur natürlichen Variabilität und kann z.B. durch Stress oder Unsicherheit ausgelöst werden. In einer Welt, in der wir die dauernde Kontrolle anstreben, kann es schnell Angst machen, wenn der Körper nicht so will, wie man sich das vorstellt.

Oft spielen auch überzogene Leistungsvorstellungen eine große Rolle. Obwohl ein Geschlechtsverkehr in Deutschland durchschnittlich sechs Minuten dauert, denken viele Männer, sie müssten viel länger können und setzen sich unter Druck. Und unter Druck funktioniert schon mal gar nichts. Das ist bei uns Frauen ja nicht anders, nur sieht man es hier nicht so. Auch das Ziel, gleichzeitig mit der Partnerin zum Orgasmus zu kommen, schürt den Druck. Hier hilft oft schon ein Gespräch in einer Sexualberatung, um verzerrte Vorstellungen richtig zu rücken. Leider ist das ja genau das, was Männer nicht gern machen – über Probleme reden.

Also, Männer, nehmt euch ein Herz und sprecht mit eurer Liebsten oder mit mir über eure Wünsche und Vorstellungen! Vielleicht seid ihr gar nicht so weit voneinander entfernt, wie ihr glaubt. Denn ganz ehrlich, länger zu können, heißt nicht, besser im Bett zu sein!

 

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