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Wenn Männer zu früh kommen

Der vorzeitiger Samenerguss (kurz EP für Ejaculatio praecox) ist eine vielschichtige Angelegenheit und man kann gar nicht oft genug darüber schreiben. Und sprechen. Immerhin haben wir hier die häufigste Sexualstörung des Mannes vor uns. 20 – 25% aller Männer leiden weltweit unabhängig vom Alter irgendwann in ihrem Leben unter diesem garstigen Phänomen. Die klassischen Behandlungsmethoden werden zunehmend in Frage gestellt und die Forschung setzt sich intensiv mit Lösungsmöglichkeiten auseinander. Wo aber die Ursachen nicht eindeutig sind, ist es schwierig, die richtige Therapie zu finden. Allgemein wird heute davon ausgegangen, dass man nicht weiß, woher der vorzeitige Samenerguss nun genau kommt. Zu viele verschiedene Faktoren spielen eine Rolle. Genetik, Nerven und Neurotransmitter treffen auf Psyche und Partnerschaft. Bei jedem einzelnen Mann ist die Kombination anders gewichtet. Deswegen ist es auch so gut wie unmöglich, ein Allheilmittel zu finden.

Von der Unberechenbarkeit der Ejakulation

Es ist vor allem der subjektiv empfundene Leidensdruck, der den Mann umtreibt. Es gab eine Studie, in der die Italiener komplett fehlten. Heißt das, dass es in Italien keinen vorzeitigen Samenerguss gibt? Nein! Das Ergebnis lag schlichtweg daran, dass die italienischen Männer in dieser Studie kein Problem mit dem zu frühen Kommen hatten. Ein Problem ist eben immer erst ein Problem, wenn wir es dazu machen. Dass jemand, der vor, während oder sofort nach dem Eindringen des Penis in den weiblichen oder männlichen Körper einen Samenerguss hat (das ist die gängiste und einfachste Definition), unglücklich über diese Situation ist, versteht sich normalerweise fast von selbst.

So ein vorzeitiger Samenerguss kann einem Mann schon das Leben schwer machen. Dem einen dauerhaft von Anbeginn der sexuellen Karriere an. In dem Fall spricht man von einer „lebenslangen EP“. Bei anderen läuft alles wie geschmiert und auf einmal geht es los, plötzlich oder schleichend. In einer bestimmten Situation, mit einer anderen Partnerin – das nennt man dann die „erworbene EP“. Wer unter einer EP leidet, hat eine stark ansteigende Erregungskurve, die direkt in den Orgasmus mündet. Das macht beiden Partnern keinen Spaß und so meiden viele der Betroffenen intime Körperkontakte, um nicht in diese als furchtbar peinlich empfundene Situation zu geraten. Und was machen Männer, wenn sie ein Problem haben? Sie machen das mit sich aus, greifen zur Selbstmedikation. 41,2 % der Männer einer weiteren Studie griffen zu Alkohol, 15,6% zu anderen Drogen. Und irgendwann, wenn es gar nicht mehr geht, suchen sie sich Hilfe. Und dann kann es endlich losgehen.

Die klassischen Behandlungsansätze

Der erste Ansprechpartner bei Penisproblemen ist zumeist der Urologe. Der wiederum spricht sexuelle Probleme eher ungern von sich aus an und macht es dem Patienten damit oft nicht leicht. Als Mediziner neigen Urologen dazu, den vorzeitigen Samenerguss rein organisch zu betrachten und auch so zu behandeln. Und was gibt es da nicht alles. Cremes, die zur Desensibilisierung vor dem Geschlechtsverkehr auf die Eichel aufgetragen werden sollen. Das kann auch durchaus zu einer Verzögerung der Ejakulation führen, hat aber leider auch zur Folge, dass die Creme Kontakt mit der Vagina bekommt und dort ebenfalls zur Desensibilisierung führt. Er kann nun mit Glück etwas länger, sie gar nicht mehr. Innen beschichtete Kondome wären hier eine gute Lösung, wenn Kondome denn so beliebt wären wie sie notwendig sind. Chirurgische Maßnahmen wie die Vergrößerung der Eichel durch das Einspritzen eines Hyaluronsäure-Gels oder die Durchtrennung von Nerven verleiten auch nicht gerade zu Bocksprüngen. Genauso wenig wie die mittlerweile veraltete Squeeze-Technik. Da wird die Eichel kurz vor dem Erguss schmerzhaft zusammengequetscht. Die Gefahr dabei ist, dass beim Mann aufgrund der Angst vor Schmerzen ein Vermeidungsverhalten einsetzt. Also bitte streicht das aus euren Köpfen!!! Weg mit der Squeeze-Methode! Her mit dem Beckenbodentraining!

Neue Behandlungsmöglichkeiten

Wenn wir das Problem wie bisher rein auf der Penis-Ebene betrachten, kommen wir nicht weiter. Wie oben angesprochen, treffen verschiedene Faktoren aufeinander: Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verbunden. Bei der lebenslangen EP kommen heute vor allem selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Antidepressiva oder das Schmerzmittel Tramadol zum Einsatz. Diese sorgen direkt im Gehirn dafür, dass die Ejakulation um das Vielfache hinausgezögert wird. Seitdem ist die bisher favorisierte Verhaltenstherapie in diesen Fällen kaum noch en vogue. Bei der erworbenen EP hingegen kann sie durchaus zum Einsatz kommen. Die Stop-Start-Methode gehört dabei zu den wenigen tatsächlich hilfreichen Übungen. Dies allerdings auch nur, wenn die Partnerin dabei mitmacht.

Und damit kommen wir zum wichtigsten Punkt: Sexuelle Funktionsstörungen sind immer auch partnerschaftliche Probleme. Es gibt nicht nur einen Symptomträger, sondern zwei Beteiligte. So auch im Fall des vorzeitigen Samenergusses. Studien haben nachgewiesen, dass 77,7% der Frauen, die einen Partner mit einem vorzeitigen Samenerguss haben, selber eine Sexualfunktionsstörung aufweisen. Erstaunlich, oder? Es hilft also nichts, das Paar als Ganzes muss ran. Kommunikationsdefizite, Unzufriedenheit, mangelnde Sensibilität – eine EP trifft besonders häufig im Zusammenhang mit Partnerschaftskonflikten auf. Eine Tablette zu nehmen, hieße dann nur, das Symptom zu unterdrücken, so wie bei einer Schmerztablette gegen Zahnschmerzen, ohne den anschließenden Besuch beim Zahnarzt. Die Ursache an sich bleibt bestehen, wenn das Paar nicht an sich arbeitet. Mittlerweile gibt es Mediziner mit einer sexualmedizinischen Zusatzqualifikation sowie ausgebildete Sexualtherapeuten und –berater, die das Paar auf ihrem Weg begleiten.

 

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Wann ist zu früh zu früh? Der BMI und die vorzeitige Ejakulation

Ok, jetzt ist es amtlich. Dicke Männer sind besser im Bett. Zumindest werden die Ergebnisse der Studie der türkischen Erciyes University von den Medien gern in diese Richtung interpretiert. Denn in der Studie mit Männern zwischen 21 und 54 Jahren stellte sich heraus, dass diejenigen mit einem höheren Body Mass Index, also einem höheren Körpergewicht, weniger häufig unter einem lebenslangen vorzeitigen Samenerguss leiden als normalgewichtige Männer. Als Ursache hierfür wird ein erhöhter Anteil an weiblichen Sexualhormonen verantwortlich gemacht. Je schlanker ein Mann, desto größer also die Wahrscheinlichkeit, dass er an einer dauerhaften Sexualstörung leidet. So zumindest die Zahlen.

Man muss sich hier natürlich erst einmal die Frage stellen, was „gut im Bett sein“ eigentlich bedeutet. Und das ist gar nicht so einfach, denn das sieht ja jeder anders. Während viele Männer eher fixiert auf den Geschlechtsverkehr und seine Dauer sind und sich damit schon selber unter Druck setzen, gewinnen Frauen auch Hand- und Zungengeschicklichkeit sehr viel ab. Und mal ganz abgesehen von der Technik spielen ja nun auch Gefühle eine wesentliche Rolle beim Liebesspiel.

Die Schwierigkeit der Definition

Was genau ist eigentlich ein lebenslanger vorzeitiger Samenerguss? Schon die Frage, was man überhaupt unter einem vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio Praecox, EP) versteht, lässt sich tatsächlich nur schwer beantworten, da hierbei das subjektive Empfinden und kulturelle Gegebenheiten eine wesentliche Rolle spielen. Insgesamt gibt es derzeit neun verschiedene Definitionen, angefangen bei „früher als die Person es wünscht“ – was auch schon mal eine halbe Stunde sein könnte, falls die zeitliche Messlatte durch Pornokonsum oder kulturelle Gegebenheiten sehr hoch liegt – bis hin zu 15 Sekunden nach Eindringen in die Vagina (homosexuelle Kontakte sind übrigens in keiner der Definitionen enthalten). Aber wer kann das schon so genau messen? Das ist eine weitere große Schwierigkeit bei der Diagnose, denn das Zeitgefühl beim Geschlechtsverkehr ist ohnehin verändert und wird zudem auch noch von beiden Partnern unterschiedlich wahrgenommen.

Was bleibt, ist zweierlei: Wenn die Ejakulation schon vor dem Eindringen in die Vagina eintritt, währenddessen oder sofort danach, spricht man sicher von einem vorzeitigen Samenerguss. Hinzu kommen der daraus resultierende Leidensdruck und Beziehungsprobleme. Über die Hälfte der Männer hat das Gefühl, die Partnerin im Stich zu lassen. Frustration, Wut, Enttäuschung, Schuld, Angst, Verleugnung bilden einen Kreislauf, aus dem ein Paar nur schwer allein herauskommt. Andersherum sind Probleme in der Partnerschaft sehr oft auch der Auslöser für die sogenannte „erworbene“ Ejaculatio Praecox und sie kann schleichend oder plötzlich auftreten. Und auch wieder verschwinden.

Von „lebenslang“ spricht man erst, wenn das Problem schon von der ersten sexuellen Erfahrung an besteht, dauerhaft bei jedem sexuellen Kontakt stattfindet und partnerunabhängig ist. Es wird heute allgemein davon ausgegangen, dass in diesem Fall neurophysiologische Abläufe die Ursache sind. Da selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer die Ejakulation verzögern, bilden diese Medikamente die Basis für die Behandlung dieser Form der EP. Neu ist jetzt der Zusammenhang mit dem Körpergewicht. Vielleicht lassen sich auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse neue Therapieformen entwickeln.

Interessant ist übrigens, dass es die „Krankheit“ Ejaculatio Praecox erst seit den 1960ern gibt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem der weibliche Orgasmus in den Fokus der Öffentlichkeit geriet und es zunehmend wichtig für den Mann wurde, länger zu können und die Frau zu befriedigen. Spannend zu überlegen, ob es auch eine „rechtzeitige“ Ejakulation gibt. Und wäre die dann vor, während oder nach dem Orgasmus der Frau???

Nicht jeder vorzeitige Samenerguss ist gleich eine dauerhafte Sexualstörung

In einer ebenfalls in der Türkei durchgeführten Studie berichtete jeder fünfte Befragte von einem vorzeitigen Samenerguss. Das scheint eine sehr hohe Zahl zu sein. Hierbei muss aber hinterfragt werden, wann genau ein Mann ein Problem für sich definiert. Denn wie wir oben gesehen haben, ist das sehr subjektiv. Eine unkontrollierbare Ejakulation kann im Sexualleben eines Mannes schon mal vorkommen. Das gehört zur natürlichen Variabilität und kann z.B. durch Stress oder Unsicherheit ausgelöst werden. In einer Welt, in der wir die dauernde Kontrolle anstreben, kann es schnell Angst machen, wenn der Körper nicht so will, wie man sich das vorstellt.

Oft spielen auch überzogene Leistungsvorstellungen eine große Rolle. Obwohl ein Geschlechtsverkehr in Deutschland durchschnittlich sechs Minuten dauert, denken viele Männer, sie müssten viel länger können und setzen sich unter Druck. Und unter Druck funktioniert schon mal gar nichts. Das ist bei uns Frauen ja nicht anders, nur sieht man es hier nicht so. Auch das Ziel, gleichzeitig mit der Partnerin zum Orgasmus zu kommen, schürt den Druck. Hier hilft oft schon ein Gespräch in einer Sexualberatung, um verzerrte Vorstellungen richtig zu rücken. Leider ist das ja genau das, was Männer nicht gern machen – über Probleme reden.

Also, Männer, nehmt euch ein Herz und sprecht mit eurer Liebsten oder mit mir über eure Wünsche und Vorstellungen! Vielleicht seid ihr gar nicht so weit voneinander entfernt, wie ihr glaubt. Denn ganz ehrlich, länger zu können, heißt nicht, besser im Bett zu sein!

 

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