Schlagwort-Archive: Geschlechtskrankheiten

Machen soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich krank?

So, Freunde der freien Liebe, aufgemerkt! Die Bundesregierung warnt vor einer Zunahme von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie HIV und Syphilis. Und spricht in ihrer „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen“ unter anderem auch vom Wandel des Sexualverhaltens durch soziale Netzwerke und Internet-Datingportale. Denn diese würden die Kontaktaufnahme verändern und erleichtern. Wenn man diese Annahme nun als alleinige Schlagzeile verwendete („Mehr Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder HIV durch Dating-Portale“ oder „Tripper durch Tinder“), könnte das für eine Massenpanik sorgen. Immerhin sind wir ja fast alle in sozialen Netzwerken unterwegs. Ganz besonders die junge Generation. Und eine nicht unerhebliche Zahl von uns hat auch schon versucht, über Datingportale eine neue Liebe zu finden. Die einen mit mehr, die anderen mit weniger Erfolg. Hier droht nun also Gefahr. Aber wie konkret ist die wirklich?

Wer sich in Datingportalen umsieht, hat nicht automatisch Sex

Ehrlich gesagt bin ich erst einmal verwirrt. Und das schon länger. Angeblich steigt die Zahl der sexuellen Kontakte, boomt das Geschäft mit dem schnellen und unverbindlichen Sex. Die große Zahl an Internetportalen, die sich auf ebendiese Kontakte spezialisiert hat, suggeriert das ebenfalls. Anscheinend hat jeder außer mir einen permanenten Wechsel der Sexualpartner, sei es nun mit oder ohne Partnerschaft. Als seien wir Weltmeister im Fremdgehen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass dem nicht wirklich so ist. Und das kann ich auch belegen.

Der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt hat, allerdings schon 2006, in einer Studie festgestellt, dass nur 1 bis zwei Prozent aller Sexualkontakte seiner 776 Befragten Seitensprünge waren. Hochgerechnet findet man sieben Seitensprünge in 100 Beziehungsjahren. Oder, wie er schreibt, haben fest liierte Großstädter im Alter von 30 bis 60 Jahren im statistischen Mittel alle 13 Jahre eine sexuelle Außenbeziehung. Datingportale hin oder her. Dabei stellte sich übrigens auch heraus, dass gerade die 30-Jährigen es besonders streng sahen mit der Treue. Ok, die sind heute Mitte vierzig. Aber was macht die Jugend heute? Legt ein vorbildliches Verhütungsverhalten an den Tag. Auch dazu noch einmal die BzGA: „Beim ‚ersten Mal’ schützen sich über 90 Prozent vor ungewollter Schwangerschaft. Das am meisten genutzte Verhütungsmittel ist das Kondom.“ Und sie warten mit diesem ersten Mal auch lieber solange, bis sie den richtigen Partner gefunden haben. Ok, hier ist für STI also nicht so viel zu holen. Datingportale hin oder her.

Nun könnte man ja denken, na gut, wenn die Paare und die Jugend doch nicht so umtriebig sind, wie wir dachten, dann sind es eben die Singles, die gefährdet sind. Und natürlich gab es die auch in der erwähnten Studie. Aber nur ganze vier Prozent davon gehören der hemmungslos herumvögelnden Spezies an! Und das wiederum deckt sich mit eigenen Erfahrungen zu dem Thema. In der Vorbereitung für einen Vortrag über Single-Sexualität befragte ich eine ganze Weile lang alle möglichen Singles zu ihrem Liebesleben. Fakt: Alle hätten gern Sex. Doch kaum einer wollte nur vögeln, die meisten warteten lieber auf den richtigen Partner. Sex mit Liebe ist das Motto. Datingportale hin oder her.

Eine neue Form der Kontaktaufnahme bedeutet nicht, dass alle gefährdet sind

So, wir treiben es also gar nicht so wild. Und sind dabei auch noch gut informiert über Safer Sex. Und tatsächlich haben wir es zum Beispiel bei HIV mit einer sinkenden Zahl von Neuinfektionen zu tun. Die BzGA geht von weltweit 35 Millionen Menschen aus, die heute mit HIV und AIDS leben. Dies sei jedoch nicht mit einer steigenden Zahl von Neuinfizierten zu begründen. Dahinter verberge sich vielmehr, dass immer weniger Menschen dank eines verbesserten Zugangs zu antiretroviraler Therapie sterben. Im Gegenteil konnte die Zahl der Neuinfektionen sogar drastisch gesenkt werden: Von 2,7 Millionen in 2010 auf 2,1 Millionen in 2013, dem damit bislang niedrigsten Wert in diesem Jahrhundert. In Deutschland lebten Ende 2013 rund 80.000 Menschen mit einer HIV-Infektion und die Zahl der geschätzten Neuinfektionen lag bei 3.200 Fällen. Bei Syphilis sieht die Sache zugegebenermaßen schon anders aus. Denn hier steigt die Zahl der Neuinfektionen tatsächlich. Hier gibt es seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg. 2014 gab es mit 5722 Neudiagnosen neuen Höchstwert.

Nun muss man dazu aber eines sagen: HIV, AIDS und Syphilis sind STI, die sich schwerpunktmäßig in der Schwulenszene finden. Laut BzGA erfolgten nach Schätzungen etwa drei Viertel der HIV-Neuinfektionen in 2013 bei Männern, die Sex mit Männern haben. Rund 20 Prozent kamen über heterosexuelle Kontakte zustande. Bei Syphilis ist die Lage noch eindeutiger: Hier gehen rund 84 Prozent laut des Robert-Koch-Instituts auf das Konto homosexueller Sexualkontakte. Ungeschützter Analverkehr ist die Nummer Eins bei der Übertragung von HIV. Und wer sich erst einmal mit einer Grunderkrankung infiziert hat und nicht darauf achtet, sich trotzdem zu schützen, steckt sich leichter mit der nächsten STI an. Hier scheint das Risikoverhalten auch tatsächlich zu steigen. Bundesweit liegt Berlin mit seinen zahlreichen Clubs, Saunen und Pornokinos bei den Fallzahlen klar vorn. Partywochenenden unter Einfluss stimulierender Drogen wie Crystal seien eine Ursache, heißt es vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG), Prof. Norbert Brockmeyer. Das ist wohl auch damit gemeint, wenn im Bericht der Bundesregierung steht: „Daten und Studien belegen, dass einige sexuell übertragbare Infektionen aufgrund gleicher bzw. ähnlicher Übertragungswege gehäuft in bestimmten Gruppen vorkommen.“

Ruhig Blut, alles halb so wild

Ja, die Kontaktaufnahme wird durch soziale Netzwerke und Datingportale tatsächlich verändert. Aber erleichtert? Wir können uns zwar jeden Tag mit einem anderen Menschen treffen. Dafür gibt es auch genügend Portale, in denen sich für jede Vorliebe etwas findet. Doch nur weil immer mehr Menschen in sozialen Netzwerken und auf Datingportalen unterwegs sind, bedeutet das nicht, dass sie auch alle Sex haben. Wir wissen nicht wirklich, aus wie vielen solchen Kontakten (ungeschützter) Sex hervorgeht. Nicht einmal die, die das gern so hätten. Beispiel Tinder: Für so manchen reicht schon das Glücksgefühl, überhaupt auch nur ein Match zu haben. Wow, da hat mich jemand beachtet! Wäre das alles so einfach, hätten wir nicht elf Millionen Singles in Deutschland. Viel schlimmer finde ich, dass sich beispielweise die sehr unangenehmen Clamydien oder Gonorrhö, umgangssprachlich Tripper, aufgrund von Resistenzen teilweise nicht mehr mit Antibiotika behandeln lassen. Gegen den hemmungslosen Gebrauch von Antibiotika sollten wir etwas unternehmen, denn deswegen wird die Zahl an Neuinfektionen sicherlich ansteigen.

 

Copyright by ORION

Diser Artikel wurde veröffentlicht auf: https://www.orion.de/blog/mehr-geschlechtskrankheiten-durch-datingportale-co/

 

Werbeanzeigen

Die Rückkehr der Syphilis

„Sumatra ist eine Insel und Syphilis zerfrisst den Pinsel“. Immer, wenn ich während meines Studiums spätabends in dieser einen speziellen dunklen Spelunke in Kiel strandete, las ich diesen Spruch, den jemand in mühsamer Kleinarbeit in die Toilettentür geritzt hatte. Das war Anfang der 90er, als die Angst vor HIV grassierte und erstmals die großen Plakate der BZgA-Kampagne „Gib AIDS keine Chance“ darauf aufmerksam machten, dass man vom Sex nicht nur schwanger werden kann.

Einprägsam wie ein Mantra hat sich dieser Spruch in mein Gedächtnis eingegraben.

Und wenngleich sich mir bis heute nicht der Sinn erschließt, fällt er mir immer und sofort ein, wenn der Begriff Syphilis fällt. Oder Sumatra. Leider konnte ich mich davon auch nicht losmachen, als 2004 der verheerende Tsunami Sumatra verwüstete und die indonesische Insel damit erstmals real in mein Blickfeld rutschte. Völlig pietätlos und absolut unpassend war er sofort wieder da, „Sumatra ist eine Insel….“. Manche Sachen wird man einfach nicht los.

Die Krankheit, die aus dem Dunkeln kam

Pest, Cholera, Lepra – kennen wir aus dem Geschichtsunterricht oder aus großen Kinofilmen wie „In Zeiten der Cholera“. Aber wer weiß schon, dass im ausgehenden Mittelalter durch Syphilis mehr Menschen den Tod fanden als durch Lepra? Explosionsartig breitete sich die Infektionskrankheit ab 1495 als Mitbringsel der Entdecker der Neuen Welt von Europa bis Japan aus. Und jedes Land schob die Schuld dem jeweiligen Erzfeind zu. So litten die Deutschen an der Franzosen-Krankheit, die Holländer an den spanischen Pocken und die Japaner an der Kanton-Krankheit. Wie Syphilis wohl heute hieße – nordkoreanische Diktatoren-Pocken vielleicht? Aber ich will an dieser Stelle lieber nicht politisch werden.

Wie kam es zu dieser Ausbreitung? Die Renaissance läutete im späten 14. Jahrhundert das Ende des dunklen und antisexuellen Mittelalters ein. Endlich konnte wieder nach Herzenslust gevögelt werden. Verführen und Verführt werden hieß die Devise. Badehäuser waren die Swinger-Clubs des Mittelalters. Ganze Hochzeitsgesellschaften zogen hier ein, um beim gemeinsamen Bad zu feiern. Männer trugen lange Futterale über ihrem besten Stück und die Größe eines Penis’ konnte über den gesellschaftlichen Aufstieg entscheiden. Es war ein wildes Treiben, das auch vor der Kirche nicht Halt machte.

Und so verbreitete sich die Syphilis quer durch die kopulationsfreudige Bevölkerung und über alle Landesgrenzen hinaus. Heinrich der VIII, Iwan der Schreckliche, Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe sind nur ein paar der prominenten Opfer dieser Lustseuche, die immer tödlich endete. Eine neue Prüderie und schließlich die Entdeckung des Penicillins Anfang des 20. Jahrhunderts erst dämmten die Krankheit ein.

Auch HIV hat sich in einer Zeit der neuen sexuellen Freizügigkeit ausgebreitet. Nach den prüden 1950ern kam Ende der 1960er vergleichbar mit der Renaissance die große Wende, nicht nur in Deutschland. Die Wiederentdeckung der Lust fiel zusammen mit der Entwicklung der Antibabypille und ließ den Mythos der wilden 68er entstehen. Und wieder ahnte zunächst niemand etwas von der drohenden Gefahr einer sich ausbreitenden tödlichen Geschlechtskrankheit. Im Gegensatz zur Syphilis aber – damals kannte man weder Viren noch Bakterien – konnte man jetzt einen Erreger dingfest machen.

Safer Sex und eine neue Aufklärungskampagne gegen Syphilis

Genug Geschichte, auch wenn mir der Ausflug so gut gefällt. Ich möchte auf etwas Bestimmtes hinaus. Durch Forschung und Aufklärung wissen wir heute, wie wir uns vor HIV schützen können. Es gibt mittlerweile Medikamente, mit denen sich die Krankheit behandeln lässt. Die Angst vor einer Ansteckung ist dadurch kleiner geworden. Das führt leider auch dazu, dass sich die Menschen wieder weniger schützen und allen anderen Geschlechtskrankheiten ebenfalls Tor und Tür geöffnet werden. Die starke Fokussierung auf HIV ließ Syphilis zudem völlig in den Hintergrund treten. Kaum jemand nimmt die Gefahr ernst und so stecken sich heute wieder mehr Menschen mit dieser gefährlichen Krankheit an. Laut Robert-Koch-Institut gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der Neuinfektionen um 20%. Und der Trend scheint sich fortzusetzen. Betroffen sind übrigens zu vier Fünfteln Männer.

Was also tun? Wir müssen rechtzeitig die Notbremse ziehen und unbedingt wieder mehr auf unsere Sicherheit achten. Safer Sex ist und bleibt nun einmal der beste Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen. Aufklärung muss auch alle anderen sexuell übertragbaren Infektionen beinhalten und darf sich nicht nur auf HIV beschränken. Das hat auch die BzgA erkannt und eine neue Kampagne gestartet, diesmal gegen Syphilis.

Copyright by ORION, veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/die-rueckkehr-der-syphilis/