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Apropos Toilette: Wie viel Privatsphäre braucht ihr?

Wie haltet ihr es damit? Wenn ihr auf der Kloschüssel sitzt, lasst ihr dann die Tür auf oder schließt ihr ab? Wenn ihr Single seid, klar, dann könnt ihr das natürlich machen, wie ihr wollt. Und wenn ihr eine Wohnung mit separater Toilette habt, dann auch. Aber als Teil eines Paares? Mit dem WC im Badezimmer? Die einen stört es ja nicht, wenn sie sich die Zähne putzen, während der oder die Liebste sich 50 Zentimeter im großen Geschäft erleichtert. Andere schließen lieber gleich die Tür ab. Ich erinnere mich dabei immer an eine Situation aus dem Urlaub. Wir wollten später ausgehen und machten uns gerade dafür fertig. Meine Freundin saß auf der Toilette, als ich den Wein einschenkte. Während ich es für zuvorkommend hielt, ihr das Glas zu reichen und die Badezimmertür freudestrahlend aufriss, wäre sie vor Scham in Grund und Boden versunken, hätte sie nicht die Klobrille davon abgehalten. Danach musste ich erst einmal über meine eigene Einstellung zu dem Thema nachdenken…. Ist es ein Vertrauensbeweis, in derartig intimen Momenten Gemeinsamkeit zuzulassen? Ist es manchen Leuten nur schlichtweg egal? Oder dürfen wir die Tür auch ganz bewusst ab- und den anderen von diesem Teil unseres Lebens ausschließen? Und was macht es mit unserer Lust?

Wie wollen wir uns zeigen?

Zahnseide, Tampons, Pickel, Körperhaare – wollen wir uns wirklich so zeigen? Ach nee, lieber nicht, denken wir jetzt. Zuerst macht man das auch lieber nicht. Wir wollen uns ja nur von unserer besten Seite zeigen. So manche*r greift dann noch nach dem Aufwachen blitzartig zur Zahnbürste. Bloß kein Morgenmund… Mir erzählte eine Frau, dass sie sich jeden Morgen vor dem Aufwachen ihres Partners frisierte, schminkte und dann wieder ins Bett legte. Hm. Aber normalerweise bröckelt diese Mauer der Vortrefflichkeit irgendwann. Stück für Stück verlieren wir die Scham voreinander. Das ist auch gut so, denn damit kommen wir uns auch näher. Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die darauf basiert, sich immer nur von der besten Seite zu zeigen, würde niemals wirklich intim werden. Oder? Und was ist mit dem Badezimmer? Wie weit darf die Intimität gehen, ohne dass uns der Appetit vergeht? Was macht es mit uns, wenn wir unserer Liebsten beim Bartzupfen oder unserem Liebsten beim Pickel ausdrücken zusehen? Oder beim Geschäfte erledigen? Naja, alle Ideale haben ihre Macken. So sind wir eben. Manchmal lässt es sich auch nicht vermeiden, weil wir eben nur ein Badezimmer haben und die Zeit morgens knapp ist.

Eigenen Grenzen erkennen und anerkennen

Unsere Schamgrenzen sind ganz unterschiedlich gestaltet. Den einen macht es nichts aus, alles von sich zu zeigen. Die anderen möchten ihre hygienischen Geheimnisse lieber für sich behalten. Die einen können gut über ihre Bedürfnisse sprechen und die anderen haben Hemmungen, weil sie keine falschen Signale aussenden möchten. „Vielleicht hält er/sie mich ja für verklemmt, wenn ich die Tür abschließe?“ Kann sein, dass er oder sie das tut. Was ist wichtiger? Die eigenen Grenzen achten oder bloß kein Ungemach verursachen? Nur, wo liegen die besagten Grenzen bei den einzelnen Partner*innen? Es lohnt sich wirklich, in der Hinsicht einmal über sich nachzudenken. Und auch mit dem oder der Partner*in darüber zu sprechen. „Was ist für dich ok? Was ist für mich ok?“ Und dabei sollten wir auch ehrlich sein. Es bringt nichts, sich zu verbiegen. Wenn ihr möchtet, dass die Tür zu ist, damit ihr euch ungestört eurer Körperpflege widmen könnt, dann ist das genauso auch ok. Wenn ihr dem oder der anderen bei allem zusehen wollt, auch. Solange es für den oder die andere genauso ok ist. Das Wichtigste ist, dass beide damit leben können.

Lustkiller oder Aphrodisiakum?

Und was macht es mit unserer Erotik, mit unserem Begehren, wenn wir wirklich alles vom anderen sehen? Was macht es mit MEINER Lust? Denn so richtig sexy ist das nicht. Aber das muss tatsächlich jede/r für sich selbst entscheiden. Intimität ist eine der Grundlagen einer Beziehung. Und wie viel Intimität können wir zulassen, ohne den anderen nicht mehr zu begehren? In jedem von uns steckt ein kleiner Exhibitionist oder eine kleine Exhibitionistin. Wir müssen es nur zulassen. Wir wackeln mit den Brüsten, stellen uns breitbeinig hin und lassen die Glocken klingen und brechen dabei in schallendes Gelächter aus. Aber das ist eine andere Form der Intimität als das offene Badezimmer. Es zeigt zwar einerseits Vertrauen, wenn wir uns vor unserem oder unserer Liebsten auch in dieser Hinsicht nicht genieren. Vertrauen kann Lust fördern. Es kann aber auch ein Mirdochegal sein. Und vielleicht fördert es auch das Gefühl, den anderen ganz zu haben, sich des anderen ganz sicher zu sein. Nur leider begehren wir immer das, was wir (noch) nicht haben oder dessen wir uns eben nicht so ganz sicher sind.

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Zusammen schlafen oder lieber miteinander schlafen?

Frisch verliebt und beide wollen diese eine Beziehung auch führen: Was liegt da näher, als möglichst bald an ein gemeinsames Zuhause zu denken? Was für eine Vorstellung, jeden Morgen gemeinsam aufzuwachen und kuschelnd in den Tag zu starten! Oder von einem erregten Partner geweckt und in den Tag gevögelt zu werden! Jeden Abend gemeinsam im Bett eng umschlungen einzuschlafen! Oder noch eine kleine Liebesnummer zu schieben! Das reinste Paradies. Oder Liebesnest, wie es im Volksmund auch genannt wird. Bei Frischverliebten ist Sex ja nun einmal ganz wichtig und bildet zuerst auch die Basis einer Beziehung. Bei den meisten Paaren schwächt sich das anfängliche Begehren nach einer gewissen Beziehungsdauer ab. Das ist ganz normal und gehört dazu. Aus Verliebtheit wird Liebe, statt Sex gewinnen andere Bindungselemente an Bedeutung: Vertrauen, ein gemeinsamer Lebensentwurf, Hausbau, Kinder. Dass aber auch ein gemeinsames Schlafzimmer alles andere als ein Vergnügen sein kann, klingt erst einmal unvorstellbar. Ist es aber nicht. Kennt Ihr das hier?

Die nächtliche Verwandlung

Tagsüber bezaubernde Partnerin oder charmanter Partner, nachts unerträglich laut schnarchendes, schwitzendes, sich bewegendes und Hitze abstrahlendes Wesen. Niemand denkt in der großen Verliebtheit an dieses Szenario. Am Anfang findet er es noch süß, wenn sie leise oder auch etwas lauter vor sich hin schnorchelt. Sie ist entzückt, wenn er sich an ihr reibt und sie seine Wärme spürt. Notfalls kann man am Wochenende ja etwas länger schlafen oder sich in der nächsten Nacht zuhause ausruhen. Aber dann schlafen sie jede Nacht in diesem einem Bett und es gibt als Ausweichmöglichkeit nur noch das Sofa. Hm. Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Man ist genervt und braucht Freiraum.

Die üblichen kleinen oder großen Streitigkeiten

Schon wieder hat er den Klodeckel oben gelassen, sie ihre Klamotten in der ganzen Wohnung verteilt. Was nicht nur WG-Bewohner in den Wahnsinn treibt, kann auch für Beziehungen ein echter Härtetest werden. Da muss es gar nicht um weltbewegende Probleme gehen. Manches staut sich auf, über anderes wird direkt verhandelt. Manchmal knallt es auch. Wer Versöhnungssex für den besten Sex hält, springt danach freudestrahlend in das gemeinsame Bett. Andere brauchen Zeit für sich und ihre Gedanken, ziehen sich erst einmal zurück. Da wird es dann abends schwierig, mit dem nicht noch ganz ausgesöhnten Partner das Bett zu teilen. Auf dem Sofa zu schlafen, würde den Konflikt allerdings noch deutlicher zutage treten lassen. Was nun?

Unterschiedlicher Wach-Schlaf-Rhythmus

Ein gemeinsames Schlafzimmer lädt dazu ein, auch gemeinsam genutzt zu werden. Nun haben aber nicht alle Menschen denselben Rhythmus. Die einen sind Frühaufsteher, die anderen Langschläfer. Den einen fallen abends schon die Augen zu, während die anderen gerade noch einen Film aussuchen. Dann geht der oder die eine ins Bett und der oder die andere kommt dazu, wenn gerade die Tiefschlafphase erreicht ist. „Noch Sex?“ Grrrr. „Ich habe schon geschlafen!“ „Na, aber jetzt bist du ja wach! J“ Vielleicht kann er/sie aber auch nicht einschlafen, weil er/sie sich fragt, warum der Partner nun nicht auch ins Bett kommen kann. Das hat er/sie sich doch anders vorgestellt mit dem gemeinsamen Leben! Diese Erwartungshaltung greift allerdings in unsere Autonomie ein und setzt uns unter Leistungsdruck. Noch Lust auf Sex?

Elektronik im Bett

Und damit meine ich nicht Sexspielzeug! Ich kenne Paare, die abends mit ihrem jeweiligen Ipad vor der Nase nebeneinander liegen. Er guckt sich die letzten Sportergebnisse an, sie klickt sich durch die Börsenkurse. Sie sind zwar zusammen im Bett, liegen aber nur nebeneinander und kommunizieren nicht. Oder sie gucken Fernsehen. Zappen, was das Zeug hält und reden auch nicht miteinander. Entspannen soll das. Aber tut es das wirklich? Wir sind nur mit uns selbst und dem Außen beschäftigt. Würde ein Gespräch, das etwas-miteinander-teilen, nicht viel mehr entspannen? Wie dem auch sei, Erotik ist jedenfalls etwas anderes.

Zu dir oder zu mir?

Wer sich hier wiedererkennt, sollte vielleicht über getrennte Schlafzimmer nachdenken. Traditionell wird eine Wohnung ja in Wohn- und Schlafbereich aufgeteilt. Warum nicht einmal anders? Da komme ich nochmal auf die gute alte WG zurück. Oft gibt es einen gemeinsamen Raum. Und wenn es nur die Küche ist. Aber jeder hat die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und seinen oder ihren eigenen Kram zu machen. Zwei Schlafzimmer in einer partnerschaftlichen Wohnung bedeuten eine Abweichung vom Normalen und sind vielleicht erklärungsbedürftig, wenn neugieriger Besuch kommt. Aber was wollt Ihr? Das Übliche oder mehr Sex? Wer nicht zusammen schläft, kann Einladungen aussprechen: „Kommst Du heute zu mir? Oder ich zu Dir?“ und kann auch Nein sagen: „Nein, heute nicht. Aber morgen!“ Vorfreude ist die beste Freude und was ich mir erarbeiten muss, bleibt ohnehin begehrenswerter. Außerdem ist für ruhigen Schlaf gesorgt, falls man nicht gerade selber unter Schlafstörungen leidet. Und selbst dann ist es für den Partner oder die Partnerin entspannter.

 

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Können wir auf Datingportalen das große Glück finden?

Interessant, ausgerechnet der Elitepartner-Gründer und langjährige Parship-Chef Arne Kahlke ist sich nicht sicher, ob uns die Partnersuche im Internet glücklich machen kann. Das zumindest erzählte er dem Zeit Magazin in einem Interview. Da hätte ich doch gemeint, dass jemand, der mitverantwortlich dafür ist, dass ich bei jedem Fernsehbesuch mindestens einmal einen Spot über glückliche Menschen auf Partnersuche sehe, aber genau dafür seine Hand ins Feuer legt. Denn warum sonst sollte man sich auf Datingportalen anmelden? Das ist ja schließlich kein schieres Freizeitvergnügen, sondern soll uns den Partner fürs Leben bescheren. Nun also doch nicht? Wir haben es längst geahnt. Denn sonst hätten wir vermutlich keine 11 Millionen Singles mehr. Doch versuchen die Portale uns natürlich zu suggerieren, dass genau sie den Richtigen oder die Richtige für uns finden und dass diese Suche auch erfolgreich ist. Schließlich scheinen sich nie zuvor so viele Singles verliebt zu haben. Ist das ein Wunschtraum?

Dating früher, Dating heute – Ein himmelweiter Unterschied

Was hat sich da nicht alles getan in den vergangenen Jahrzehnten bzw. sogar Jahrhunderten! Kontaktanzeigen gibt es seit es Zeitungen gibt. Schon im Wilden Westen war man solcherart auf Partnersuche. Daran hatte sich lange Zeit auch nichts geändert. Noch als ich jung war, musste man umständlich per Chiffre eine Kontaktanzeige bei einem Stadtmagazin aufgeben. Per Chiffre? Diese Form kennt ja heute kaum noch einer. Da bedeutet, dass man ein paar wenige Zeilen schrieb, die abgedruckt und vor allem anonym veröffentlicht wurden. Ein Foto gab es da nicht. Die Antworten mussten an die Redaktion geschickt werden, wurden dort gesammelt und dem sehnsüchtig Wartenden anschließend per Post zugestellt. Hier fanden sich auch mit Glück die erhofften Fotos. Auf Papier selbstverständlich. Auch das Fotografieren war wesentlich umständlicher als heute. Jemand musste die Kamera halten und ein hoffentlich vorteilhaftes Foto schießen. Sehen konnte man das jedoch erst, wenn der ganze Film entwickelt worden war. Das kostete Zeit und Geld. Ob sich damals wirklich Paare auf diesem Weg fanden? Keine Ahnung. Ich kannte keine.

Heute übernehmen Datingportale das Aussuchen. Man meldet sich an, gibt ein Profil ein und ein Algorithmus sucht dann die passenden Partnervorschläge aus. Das erinnert ein wenig an arrangierte Ehen. Nur suchen hier die Eltern mit mehr oder weniger Erfolg den passenden Partner aus. Etwas ähnliches versuchte vor einiger Zeit ein TV-Format. Hier gab es ein Trio aus Experten, die aus den unterschiedlichen Bewerbern die Paare zusammenstellten. Diese lernten sich erst vor dem Traualtar kennen. Ach, wie romantisch, könnte man meinen. Na ja, meines Wissens hat keine Ehe gehalten. Ich befürchte, wir alle sind zu wählerisch, haben zu viele Möglichkeiten und können uns zu wenig festlegen. Und da kommen dann die Datingportale ins Spiel. Natürlich haben wir genügend Möglichkeiten, uns erst einmal richtig kennenzulernen. Hätten wir zumindest. In der Realität ist es wohl viel häufiger so, dass wir eine ganze Liste an Punkten im Kopf haben, wie der andere zu sein hat. Angefangen von Äußerlichkeiten bis hin zum Musikgeschmack. Passt etwas nicht, kommt es gar nicht erst zum zweiten Date. Die Verlockungen der unzähligen potentiellen Traumpartner, die der Algorithmus womöglich noch für uns bereithält, lassen uns wie Bienen von Blume zu Blume fliegen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, irgendwo muss er oder sie ja sein. Bis dahin geben wir uns auch nicht mit dem kleinsten aller Kompromisse zufrieden. „Maximale Freiheit und maximale Optimierung führen nicht zu maximalem Glück. Wer seine Beziehung nach dem Baukastenprinzip konstruiert, bekommt nur das, was er will – aber nicht unbedingt das, was er braucht.“ So Kahlke. Da ist etwas dran.

Auch was nicht ewig hält, kann schön sein

2,5 Millionen Menschen sind im Internet auf Partnersuche. Einer halben Million Menschen will Arne Kahlke mit seinem Geschäftsmodell zur Partnerschaft verholfen haben. Wie viele davon längerfristig halten, wissen wir nicht. Nun hat sich aber in der Beziehungsdauer ohnehin einiges getan, seit die ersten Kontaktanzeigen veröffentlicht wurden. Während Scheidungen früher eher die Ausnahme waren und Ehen durch den Tod eines Ehegatten ihr Ende fanden, sind sie heute gesellschaftsfähig. Die meisten Ehen werden dabei laut Statistischem Bundesamt nach sechs Jahren geschieden. Die Schuld, dass eine Beziehung nicht ewig hält, darf man aber nicht den Datingportalen in die Schuhe schieben. Hierfür gibt es auch noch jede Menge anderer Erklärungen wie die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frauen und der Wunsch nach ewiger aber leider völlig unrealistischer Dauerverliebtheit. Wissenschaftler unterschiedlicher Forschungsrichtungen versuchen herauszufinden, ob wir Menschen nun eher monogam oder polygam veranlagt sind, zur lebenslangen Partnerschaft oder zu seriellen Monogamie neigen. Vermutlich und glücklicherweise wird es auf diese Fragen niemals eine verbindliche Antwort geben. Und so müssen wir eben selber schauen, was wir wollen und wie wir leben wollen. Was ist uns wichtig? Und mit welchem Partner können wir unsere Träume verwirklichen?

 

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Hilfe, ich bin noch Jungfrau!

Hilfe, ich bin noch Jungfrau!

An wen denken wir, wenn wir „Das erste Mal“ hören? Normalerweise wohl zuerst an Jugendliche. Und dabei erinnern wir uns vielleicht an unser eigenes erstes Mal – die einen schmunzeln dabei, die anderen verziehen das Gesicht. Denn so einfach war das oft gar nicht. Zwei Menschen, oder zumindest einer, ohne intime Erfahrungen. Körperflüssigkeiten wurden zwar zumeist durchaus im Vorwege ausgetauscht. Nur der letzte Schritt, das Durchstoßen des auch nicht immer vorhandenen Jungfernhäutchens, fehlte dann noch. Woran wir nicht denken ist, dass es heute eine stetig wachsende Zahl von Menschen jenseits des Jugendalters gibt, bei denen es nicht nur um den letzten Schritt geht, sondern um das gänzliche Fehlen von zweisamen Erfahrungen. Und das im körperlichen wie im emotionalen Sinne. Aber wie geht man damit um, wenn man dann jemanden kennenlernt? Darüber reden? Schweigen?

Falsche Vorstellungen führen zu überzogenem Erwartungsdruck

In unserer übersexualisierten Gesellschaft scheint es ein großes Stigma zu sein, wenn man ab einem bestimmten Alter noch nicht intim mit einem anderen Menschen war. Von außen betrachtet scheint jeder andere bereits reichliche Erfahrungen gesammelt zu haben, nur man selber nicht. Besonders bedenklich finde ich, dass sich in den Internet-Foren bereits sehr junge Menschen mit dieser Frage beschäftigen. „Hilfe, ich bin 18 und noch Jungfrau!“ oder „Ist es ok, wenn man das erste Mal Sex mit einer Prostituierten hat“ – das sind Fragen, die mich auch in meiner Arbeit erreichen. Gemach, gemach, sage ich da. Der Druck ist groß und es ist wichtig, die Fragenden zu erleichtern, zu erklären, dass mit ihnen alles ganz in Ordnung ist. Es gibt keine verlässlichen Daten darüber, wie viele Menschen wann genau ihre Unschuld verlieren. Fakt ist aber, dass es nicht wenige sind, die eben etwas länger brauchen und erst mit 30, 35 oder 40 Jahren ihre erste Beziehung starten. Jeder hat ein eigenes Tempo, in dem er oder sie Erfahrungen sammelt. Und es ist gerade die junge Generation, die heute körperliche Intimität in einer Beziehung erleben möchte und weg ist vom reinen „es hinter sich bringen“. Das Bild, das die Medien, hier insbesondere die Pornografie, vermitteln, stimmt nicht mit der Realität überein. Und dass Menschen, die bereits Beziehungen hinter sich haben, auch nicht immer erfahrener sind – darüber wird nicht gesprochen.

Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher hat in ihren Studien festgestellt, dass 42% der Menschen es ablehnen würden, eine Jungfrau zu daten. Hier darf man aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und so möchte ich gleich lauthals protestieren. Denn in den USA ist es fast eine Art Trend, sich bis zur Ehe aufzubewahren. Dies wird dann auch öffentlich kundgetan. Es gibt regelrechte Zeremonien wie die Purity Balls, auf denen junge Mädchen vor den Augen ihrer Väter Keuschheitsgelübde ablegen. Und dafür gibt es durchaus Gleichgesinnte auf beiden Seiten – Frauen wie Männer. Alle anderen hingegen möchten die Katze nicht im Sack kaufen. Hüben wie drüben möchten wir den anderen kennenlernen, bevor wir uns endgültig binden. Wir ziehen zusammen, erkunden jede Region unseres Körpers und unserer Lust, bevor wir uns das Ja-Wort geben. „Slow Love“, so nennt Helen Fisher diese Art der Annäherung.

Bestimm Dein eigenes Tempo

Bei uns geht es nicht um die Menschen, die nicht wollen, sondern um diejenigen, die sehr wohl wollen, aber noch nicht konnten. Menschen, die durchaus eine intime Beziehung eingehen möchten und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie jemanden kennenlernen. Wie so oft gibt es keine Patentlösung für diese Frage. Dafür sind wir Menschen viel zu unterschiedlich und die Gründe für die bisherige Erfahrungslosigkeit ebenso. Jeder muss für sich selber entscheiden, welche Informationen er oder sie wann geben möchte. Sicherlich ist das kein Thema für das erste Treffen. Alte oder nicht vorhandene Beziehungen müssen auch nicht gleich durchgekaut werden. „Lass uns darüber später reden“ verschafft Zeit und Raum, den anderen erst einmal kennenzulernen. Je größer die Vertrauensbasis und je sicherer ich mir bin, dass der andere zu mir passen könnte, desto eher kann ich mich auch öffnen. Und es ist ja auch nicht so, dass alle anderen direkt übereinander herfallen! Allen, die jetzt mit sich hadern, möchte ich an dieser Stelle sagen, dass jede intime Beziehung anders ist, dass jeder Mensch anders ist und anders empfindet und dass es auch jede Menge Menschen gibt, die bei jedem ersten Mal mit einem neuen Partner aufgeregt sind und nicht wissen, was sie erwartet. Das gehört einfach dazu und macht die ganze Sache immer wieder spannend.

Copyright by Parship, veröffentlicht auf http://www.beziehungsweise.de/ratgeber/sex-erotik/hilfe-ich-bin-noch-jungfrau/

Rette mich – Das große No-Go in der Beziehung

„Wenn ich erst einmal eine neue Freundin habe, dann wird sie mir helfen, dass es mir wieder besser geht.“ Das war die Aussage eines Mannes, der eine schlimme Scheidung hinter sich hatte und gerade ziemlich dem Alkohol zusprach. Puh, was für eine Last für eine neue Beziehung! Diesem Anspruch kann eine neue Partnerin oder ein neuer Partner ja gar nicht gerecht werden. Und auch bestehende Beziehungen leiden, wenn ein Partner den anderen als seine Lebensstütze betrachtet. Leider kommt das gar nicht so selten vor und wenn dann die Beziehung auseinander bricht, ist das Erstaunen groß. Wie kann sie nur? Wie kann er nur? Mich allein lassen mit all meinen Problemen! Da wird dann zuweilen sogar mit Selbstmord gedroht, um den Partner am Weggehen zu hindern. Eine schwierige Situation.

Ich bin für mich selbst verantwortlich

Es ist schön, wenn ein Partner da ist, mit dem man reden kann und der auch zuhört. Ein Partner, der einen in den Arm nimmt, wenn es nicht so gut läuft. Einer, auf den man sich verlassen kann und der zu einem steht. Trotzdem ist doch jeder für sich selbst verantwortlich. Mein Partner kann mich auf meinem Weg unterstützen und mir den Rücken stärken, den Weg gehen kann ich aber nur allein. Für den Mann aus dem Beispiel bedeutet das, dass er sich in seiner Situation professionelle Hilfe suchen sollte. Einen Therapeuten für seine Depression, eine Selbsthilfegruppe für das Problem mit dem Alkohol. Wenn er dann wieder etwas Stabilität in sein Leben und in seine Gefühle gebracht und vor allem wieder etwas Vertrauen zu sich selber gefasst hat, kann er auch eine Beziehung zulassen, in der beide Partner gleichwertig und gleichberechtigt sind.

Sicherlich gibt es Situationen im Leben, die uns überfordern und in denen wir unseren Partner ganz besonders brauchen. Dann ist es auch ganz wichtig, darüber zu sprechen. Dabei sollte man aber darauf achten, den Partner nicht zu belasten und vor allem nicht gleich alles infrage zu stellen. „Wenn du mir nicht helfen kannst, macht diese Beziehung keinen Sinn“ ist so ein No-Go. Denn wie soll ein Partner für den anderen beispielsweise einen neuen Job finden, wenn es im alten nicht so klappt? „Mich belastet die Situation im Job sehr. Danke, dass du mit mir Lösungswege suchst“ ist da schon viel besser.

Was bedeutet das im Sexuellen?

Diese Art der Übertragung von Verantwortung findet sich auch im sexuellen Bereich wieder. Nicht mein Partner ist für die Erfüllung meiner Wünsche und Sehnsüchte verantwortlich, sondern ganz allein ich. Wenn ich nicht weiß oder sage, was ich mag und was ich will, ist es für den anderen ganz schwierig, sich entsprechend zu verhalten. Frauen denken häufiger gern, der Mann müsse doch wissen, was er zu tun habe. Aber jede Frau ist anders. Jede Frau empfindet anders. Woher soll er das dann von allein wissen? Diese Situation ist eine große Belastung für den „führenden“ Partner. Immer darauf zu achten, dass es dem anderen gut geht, ohne eigentlich zu wissen, was der andere will. Entspannen kann sich bei diesem Leistungsdruck letztlich keiner. Das schürt die Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Heraus kommen langweiliger Sex ohne Experimente, das Vortäuschen von Orgasmen und am Ende die große Lustlosigkeit oder Erektionsprobleme.

Wollen wir das? Nein! Was tun wir? Uns ein Herz nehmen und über unsere Wünsche sprechen. Sagen, was uns gefällt und vor allem auch, was nicht. Und das bitte in Ich-Botschaften: „Ich wünsche mir, dass du mich mal so richtig verwöhnst“. Und ganz genau beschreiben, worin das Verwöhnen bestehen soll. Langsam kann man sich dann weiter vortasten und abwechselnd immer ein Stückchen mehr von sich preisgeben. Dann kann man den Partner vielleicht auch einmal überraschen und sich einfach nehmen, was man haben möchte.

 

Copyright by ORION, veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/rette-mich-das-grosse-no-go-der-beziehung/