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Aufklärung, Verhütung, Abtreibung: Polen ist kein Einzelfall

Gerade noch einmal Glück gehabt. Seit Monaten mehrten sich in Polen die Proteste gegen den Gesetzentwurf der Volksinitiative „Stoppt die Abtreibung“. Abtreibung sollte per se verboten werden. Und natürlich mischt die katholische Kirche da ordentlich mit. Was für eine Vorstellung! Damit wäre es Frauen auch nach einer Vergewaltigung oder Inzest nicht erlaubt gewesen, die Schwangerschaft abzubrechen. Und auch dann nicht, wenn das Leben der Mutter gefährdet wäre. Mal ganz abgesehen von all den anderen Gründen, die Frauen dazu bringen, diesen Entschluss zu fassen. Die landesweiten Proteste in Polen als auch in anderen europäischen Städten scheinen dazu geführt zu haben, dass die Regierung noch einmal in sich ging und der Volksinitiative einen Korb gab. Zu dieser Entscheidung hat sicherlich auch beigetragen, dass nicht nur Frauen im gebärfähigen Alter auf die Straßen gegangen sind sondern ebenso alle anderen. Und nicht nur Frauen, auch Männer fanden sich unter den Protestierenden. Als werdende Väter und Partner sind sie schließlich auch betroffen, wenn Gesetze die Rechte der Bürger*innen derart beschneiden. Aber Glück ist relativ. Denn Polen hat ohnehin das strengste Abtreibungsgesetz Europas.

Wenn Gesetze nur auf dem Papier existieren

Schon 1992 sollte ein vollständiges Verbot durchgesetzt werden. Auch damals gingen die Menschen auf die Barrikaden. Das Gesetz wurde nicht verabschiedet. Stattdessen wurden Schwangerschaftsabbrüche in drei Fällen erlaubt: Wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist, wenn die Schwangerschaft als Folge einer Straftat eintritt und bei unheilbaren Erkrankungen oder schweren Fehlbildungen des Fötus. Zu dem 1993 eingeführten Gesetz gehören auch besondere Schutzmaßnahmen für schwangere Frauen und ein besser Zugang zu Verhütungsmitteln sowie Sexualerziehung an den Schulen. Tja, so steht es auf dem Papier. Die Realität sieht anders aus. Bis heute gibt es keinen geregelten Sexualkundeunterricht. Verhütungsmittel sind teuer und für viele unerschwinglich. Das darf man nicht vergessen, wenn man gegen Abtreibungen wettert. Zudem gibt es eine Gewissensklausel, nach der Ärzte sich weigern können, Verhütungsmittel überhaupt zu verschreiben bzw. einen Abbruch auch nach legalen Maßstäben durchzuführen. Keine Aufklärung, keine Verhütungsmittel. Das wären ja zwei äußerst geeignete Mittel, unerwünschten Schwangerschaften vorzubeugen. Stattdessen ein zusätzlich erschwerter Weg zum Schwangerschaftsabbruch. Selbstbestimmung sieht anders aus.

Polen steht mit dieser repressiven Sexualpolitik nicht allein da. In vielen afrikanischen Ländern wird der Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmittel teilweise von staatlicher Seite verboten. Die Zahl der Teenagerschwangerschaften ist südlich der Sahara mit 120 Geburten pro 1000 Mädchen die weltweit höchste. Aus ganz anderen Gründen kommt es in Venezuela gerade zu Problemen. Verhütungsmittel werden im Land nicht hergestellt und Kondome importiert. Nur herrscht gerade eine Wirtschaftskrise. Kein Geld, keine Importe, keine Kondome. Und übrigens auch keine Aufklärung. Blöd, nicht? Was passiert? Ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Infektionen (STI) breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus. In China dürfen verheiratete Paare seit 2015 unter bestimmten Bedingungen zwei Kinder bekommen. Jedes weitere Kind wird mit einer Strafe belegt. Da würde man ja vermuten, dass in Aufklärung und Verhütungsmittel investiert wird. Nö. Fehlanzeige. Auch hier verzeichnen wir einen Anstieg bei Abtreibungen und Teenagerschwangerschaften. Übrigens wollen die meisten Chinesen aus wirtschaftlichen Gründen gar keine weiteren Kinder. Ich bin gespannt, wie sich das dort weiter entwickelt. Staatlich verordnete Zweit– und Drittkinder?

Schwedens liberaler Umgang mit Sexualität

Doch nicht alle Staaten sind so repressiv, wenn es um diese Themen geht. Ein anderes europäisches Land sorgt in dieser Hinsicht gerade ebenfalls für Schlagzeilen. Nur umgekehrt sozusagen. Schweden hat sich etwas Besonderes zum Weltverhütungstag ausgedacht. Dieser sollte in diesem Jahr am 26.09.2016 das Weltaugenmerk darauf richten, dass Sex nicht nur etwas für Menschen mit bestehendem Kinderwunsch ist (gilt gern für katholische Länder) und dass Frauen selber entscheiden dürfen, ob sie überhaupt Kinder haben möchten und wenn ja, wie viele (gilt für ziemlich viele Länder dieser Erde). Die schwedische Assoziation für Sexualaufklärung (RFSU) schickte also im Rahmen dieses Tages einen Werbespot über Youtube los. Sie bittet darin die NASA, Kondome ins All zu schießen. Wir hätten potentiellen Besuchern nun schon so viel über uns mitgeteilt, nur nichts über unser vorbildliches Verhütungsverhalten. Und wer wisse schon, wie Außerirdische in Punkto Familienplanung ausgestattet seien. Das Video soll Aufmerksamkeit erregen und auf den Sinn und Nutzen von Kondomen hinweisen. Und das tut es auch.

Tja, Schweden ist eben bekannt für seinen liberalen Umgang mit dem Sexuellen. So heißt es zumindest. Dass dieses Image seinen Ursprung in Filmen aus den 1950ern hat, weiß heute schon kaum jemand mehr. Was die meisten auch nicht wissen, ist die Tatsache, dass Schweden als erstes Land überhaupt Sexualkundeunterricht an den Schulen eingeführt hat und die Antibabypille auf Staatskosten verschreibt. Schwedinnen dürfen bis zur 18. Woche abtreiben. In Dänemark und Deutschland ist dies nur bis zur 12. Woche erlaubt. In Schweden ist es auch möglich, einen Abbruch vornehmen zu lassen, wenn die Eltern mit dem Geschlecht des Kindes nicht einverstanden sind. Beides zusammen führt zu einem Abtreibungstourismus aus Dänemark und Norwegen. Das geht nun wieder einigen Schweden zu weit und so sollen gegen diese Praxis Maßnahmen ergriffen werden.

Deutschland, das Land der ewigen Mitte

Kommen wir zu Deutschland. Auch hier wird teilweise von Seiten aufgebrachter Eltern gegen Aufklärung gewettert. Es geht dabei im speziellen um die „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, über andere Lebens- und Liebesformen als nur die heterosexuelle aufzuklären. Ich weiß nicht, inwieweit Eltern in den Schulen in diese Thematik miteinbezogen werden. Ich weiß aber aus meiner eigenen sexualpädagogischen Arbeit, dass Eltern sehr oft nicht wissen, was ihre Kinder schon so alles wissen und dann denken, die Sexualpädagog*innen hätten das verbockt. Aufklärung ist heute kein Fremdwort mehr. Allerdings haben auch wir noch großen Verbesserungsbedarf. Es geht ja nicht nur darum, über körperliche Funktionen und Methoden der Kontrazeption aufzuklären. Denn Werkzeugkunde allein ist nicht ausreichend für die richtige Anwendung. Wenn Schulen dafür nicht ausgerüstet sind, können sie bei Pro Familia speziell geschulte Sexualpädagog*innen anfordern. Dort gibt es vor Ort Beratungsangebote für Jugendliche und Erwachsene. Wir haben damit die Möglichkeit, uns auch außerhalb des Internets für wenig Geld die Informationen zu holen, die wir brauchen. Für Jugendliche ist das Angebot kostenlos, Erwachsene bezahlen ca. 35 Euro für eine Stunde.

Unser Zugang zu Verhütungsmitteln ist recht gut geregelt. Mädchen können sich ohne Einwilligung der Eltern die Pille verschreiben lassen, sobald sie vierzehn Jahre alt sind. Darüber, ob das gesundheitlich nun so gut ist, lässt sich streiten. Gerade hat eine dänische Studie einen Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und Depressionen hergestellt, der besonders Jugendliche betrifft. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten auch für andere hormonelle Verhütungsmittel bis zur Vollendung des 20. Lebensjahres. Wer Sozialleistungen bezieht, hat in einigen Kommunen die Möglichkeit, Sonderfonds anzuzapfen. Kondome sind war nicht umsonst, was wohl noch einmal eine Maßnahme wäre. Wir können sie aber unbegrenzt in Drogerien, Supermärkten, Apotheken, Erotikfachgeschäften oder im Internet erwerben. Im § 218 des Strafgesetzbuch ist geregelt, wann und unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch legal und möglich ist. In bestimmten Fällen werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen. Aber natürlich gibt es hier auch viele Ungerechtigkeiten. Frauen bleiben viel zu häufig auf den Kosten für Verhütungsmittel wie auch Schwangerschaftsabbrüchen sitzen. Überhaupt finde ich es ungeheuerlich, wie selbstverständlich die Verhütung größtenteils auf Frauen abgewälzt wird. Die Nebenwirkungen sind mittlerweile hinreichend bekannt. Gäbe es keine STI, würden weitaus weniger Kondome zum Einsatz kommen.

Bildung und Aufklärung gehören zusammen

Es kann doch nicht sein, dass Regierungen über die Fruchtbarkeit ihrer Bürger*innen bestimmen, indem sie den Zugang zu Aufklärung und Verhütung unterbinden oder einschränken. Sämtliche Mittel und Möglichkeiten für eine vernünftige Sexualpolitik haben wir schließlich. Aber es ist natürlich viel einfacher, Menschen, die permanent mit Kinderkriegen und Überleben beschäftigt sind, zu kontrollieren. Was wir brauchen, sind also keine Kondome im All, sondern Kondome gleich bei uns auf der Erde. Und Bildung für alle. Dazu gehört auch Aufklärung. Es gibt viele Initiativen und Verbände, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Und es bleibt zu hoffen, dass die Menschen weiterhin lautstark protestieren, wenn ihre Rechte so beschnitten werden sollen, wie es in Polen geplant war.

Diesen Beitrag gibt es auch als Folge im Podcast:

Warum die Schweden Kondome ins All schießen möchten

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„Hallo, hier ist Erika Berger. Wer spricht?“ Ein Nachruf

Die ganz Großen sterben gerade wie die Fliegen. Und so manch einer hat sich schon gefragt, welche Art Band da oben wohl gerade zusammengestellt wird: Lemmy Kilmister, David Bowie, Prince, Roger Cicero. Welche Musik soll denn da bitteschön herauskommen? Und bevor nun auch die entsprechenden Damen Aufnahme in der Himmelsband finden – und über kurz oder lang wird es dazu kommen -, hat sich am vergangenen Sonntag jemand gedacht, da holen wir uns doch erst einmal die Erika. Sex & Drugs & Rock’n Roll, heißt es doch schließlich. Und diese Dame wird denen schon zeigen, wo es lang geht. So wie sie es mit den Deutschen ab 1987 in ihrer Show „Eine Chance für die Liebe“ getan hat. Denn während Prince mit seinen sexuell mehr oder weniger deutlich angehauchten Texten meine jugendliche Fantasie beflügelt hat, sprach Erika Berger als erste öffentlich über die Themen Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Damit kann man heute ja kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Damals aber war das unglaublich! JEDER kannte diesen Namen!

Dr. Sommer für die Erwachsenen

Plötzlich war sie da, eine Journalistin, die ungezwungen über alles plauderte und die Dinge beim Namen nannte. Penis, Vagina! Diese Worte wurden ja noch nicht einmal zuhause ausgesprochen, geschweige denn im Fernsehen. Die 80er waren die Zeit der Neuen Deutschen Welle, der Atomkraft und der düsteren Zukunftsprognosen. Sex war kein öffentliches Thema. Wir Pubertierenden rannten jeden Donnerstag zum Kiosk, um uns die Bravo zu kaufen. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt natürlich der Dr. Sommer-Beratung. Wo sonst sollten wir alle die Informationen herbekommen, die uns so brennend interessierten? Sexualpädagogik gab es nicht, in der Schule gab es mit Glück ein paar biologische Grundlagen. Und von unseren Eltern? Die hatten ja zumeist selber keine Ahnung. Schon deshalb war Erika Berger ein wahrer Segen.

Sie war der Dr. Sommer der Erwachsenen. Man muss sich das einmal so vorstellen: Erika Bergers Zielgruppe, die Generation der damals Erwachsenen, die Nachkriegsgeneration, kannte in den meisten Fällen überhaupt keine Aufklärung. Das Thema wurde totgeschwiegen. Es gab keine Gespräche, in denen Kinder und Jugendliche an die großen Themen der Liebe herangeführt wurden. Nicht wenige Mädchen gerieten deshalb in Panik, wenn die erste Regel einsetzte. „Nun bist du eine Frau“, war oft alles, was den Müttern über die Lippen kam. Kein Wunder, dass auch Erika Berger selbst als junges Mädchen nach dem ersten Kuss befürchtete, nun schwanger zu sein. Man redete einfach nicht darüber. Als Erika Berger auf Sendung ging, hatte sie Zuschauer, deren Sexualität überwiegend schambesetzt war, besonders die der Frauen. Sex vor der Ehe war in dieser Generation nicht üblich, Schwangerschaften vor der Ehe noch verheerend. Es gab keinen Austausch, wie das bei anderen Paaren lief. Man konnte nicht mal eben im Internet nach Erektionsproblemen oder Lustlosigkeit suchen. Jeder versuchte, für sich allein klarzukommen. Und plötzlich gab es da ein Ventil namens Erika Berger. Plötzlich konnte alles angesprochen und ausgesprochen werden.

Die drei großen deutschen Aufklärer

Für mich sind es vor allem drei Personen, die in Deutschland den Umgang mit Sexualität nachhaltig veränderten: In der Nachkriegszeit verbreitete Beate Uhse mit ihrer Schrift X die natürlichen Methoden der Schwangerschaftsverhütung und verkaufte später als Erste deutschlandweit Kondome. Heute unvorstellbar, hatten die Menschen in der prüden Zeit der Adenauer-Ära, auch erotische Eiszeit genannt, keine Ahnung von Verhütung. Oswald Kolle schrieb ab den 1960er Jahren Aufklärungstexte und –bücher und drehte ab 1968 die ersten legendären Aufklärungsfilme. Auch seinen Namen kannte damals jeder Deutsche. Zuletzt widmete sich Kolle dem bis heute tabuisierten Thema Sexualität im Alter. Ich selber blicke auf ein interessantes persönliches Treffen bei einem seiner dazugehörigen Vorträge hier in Hamburg zurück. Ja, und dann war da eben auch Erika Berger, die als erste im öffentlichen Rundfunk über alle diese Themen sprach. Auch sie habe ich noch vor zwei Jahren bei einer Veranstaltung getroffen. Wenn wir also heute auf unseren Umgang mit Sexualität blicken, sollten wir dabei immer im Hinterkopf haben, dass der Weg zu so viel Freizügigkeit hart und steinig war. Und es ist so wunderbar, dass heute ganz viele Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen und in unterschiedlicher Form aufklären wollen und dürfen!

Das Foto habe ich gemacht, als ich sie vor drei Jahren auf einer Messe zum Thema Ü 50 traf.

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Dieser Artikel wurde veröffentlicht auf: https://www.orion.de/blog/nachruf-hallo-hier-ist-erika-berger-wer-spricht/

Kindliche Lust- Wie spricht man mit Kindern über Sex?

Mit den eigenen Kindern über Sex sprechen? Hm. Davor graut es vielen Eltern. Wie soll man etwas erklären, dass für Kinder absolut nicht nachvollziehbar zu sein scheint? Wenn sie einen mit großen Augen anstarren, das Gesicht verziehen, sich angeekelt wegdrehen oder anfangen zu kichern? Wie soll man den eigenen Kindern etwas erklären, dass doch so intim ist, dass man sowieso nur ungern darüber spricht? Schon untereinander darüber zu reden, fällt vielen Paaren schwer. Und dann auch noch dem Kind erklären, was man da macht? Wirklich darum reißen tut sich wohl kaum jemand. Wie sich solche Gespräche entwickeln, zeigt ein Film der Firma cut.com. Es ist schon lustig, sich anzusehen, wie beide Parteien herumdrucksen. Dabei ist es wirklich wichtig, mit Kindern auch über dieses Thema zu sprechen. Denn es ist nicht so, als seien Kinder asexuelle Wesen, bis ihre Eltern ihnen erklären, wie das Ganze funktioniert. Das aber ist vielen gar nicht so klar. Und dann wundert man sich, wenn der Kindergarten anruft und erzählt, was die Kleinen da so angestellt haben…

Was wissen Kinder eigentlich über Sexualität?

Was das einzelne Kind weiß, ist abhängig von den Möglichkeiten, die es hat, den eigenen Körper zu ertasten und zu erforschen, aber auch von der Fähigkeit, Informationen wahrzunehmen, zu lernen, zu erinnern und emotional zu verarbeiten. Dazu möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen, dass die Sexualität, die Kinder erleben, nichts mit der von Erwachsenen zu tun hat. Diese Bedeutungszuschreibung kommt erst später hinzu. Vorerst geht es um die Entdeckung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Dabei entstehen zwar Erregung und Lustgefühle, vorrangig ist aber das Glücksgefühl darüber, den eigenen Körper zu beherrschen und zu kontrollieren. Bis zu den ersten Gesprächen mit den Eltern haben Kinder schon jede Menge Möglichkeiten, ihren eigenen Körper zu entdecken und angenehme Empfindungen auszukosten. Und in den ersten zwei Lebensjahren stehen dabei durchaus die Genitalien im Mittelpunkt.

Es gibt sehr große individuelle Unterschiede hinsichtlich des Interesses und der Art des sexuellen Verhaltens und keine klar abgrenzbaren Phasen der Entwicklung. Allgemein gilt, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr Fragen zu dem Unterschied von Frau und Mann stellen. Ich erinnere mich gut an meinen Moment der Erleuchtung, als ich begriff, dass Jungen nicht deshalb Jungen sind, weil sie Jungennamen haben und Mädchen nicht deshalb Mädchen, weil sie Mädchennamen haben. Auch die Genitalien der Eltern und Geschwister sind von großem Interesse. Und eben auch die der Gleichaltrigen, was dann zu den nicht seltenen Diskussionen mit den Müttern anderer Kinder führt. Das Zeigen, Betrachten und Berühren der Genitalien untereinander gehört zur Entwicklung dazu und ist kein Fehlverhalten! Man geht davon aus, dass 30-60% der Kinder sexuelle Handlungen mit meist Gleichaltrigen schon vor der Pubertät erleben. Der Fokus liegt dabei auf „gleichaltrig“!

In diesem Alter erlernen Kinder auch die Begriffe für die Genitalien. Ganz wichtig dabei sind angemessene Bezeichnungen wie Penis oder Vagina und keine Verniedlichungen wie Pillermann oder Muschi, da dies die emotionale und intellektuelle Erfassung der Genitalregion erschwert. Und ganz wichtig ist dabei natürlich die Klitoris! So klein sie auch ist, so wichtig ist sie für die Entwicklung des Körpergefühls der Mädchen. Ein ungezwungener Umgang mit Nacktheit auf Seiten der Eltern ist für eine gesunde Einstellung dem eigenen Körper gegenüber übrigens auch von grundlegender Bedeutung. Wie oft höre ich von heute Erwachsenen, dass sie ihre Eltern nie nackt gesehen haben.

Zwischen vier und sieben Jahren steht das Interesse an Schwangerschaft und Geburt im Vordergrund. Wie kommen die Babys bloß in Mamas Bauch? Und ich soll da auch drin gewesen sein??? Richtig kniffelig wird es dann zwischen acht und elf, wenn die Kinder wissen wollen, wie Empfängnis und Geschlechtsverkehr funktionieren und welchen Anteil der Vater an der Zeugung hat. Sehr schön ist das in dem Video zu sehen, wenn der Vater die Vagina seiner Frau mit einer Tasche vergleicht. Nachvollziehbar, dass das Kind keinen blassen Schimmer hat, wovon der Papa da spricht. Ich liebe auch die Erklärung, dass der Papa in Mamas Garage fährt. Und verstehe total, dass das Kind mit seinem Dreirad gern auch noch mit hinein möchte. Wenn Kinder Fragen stellen, reicht es übrigens aus, darauf ganz konkrete Antworten zu geben. Oft ist das schon genug. Da muss sich keiner winden und denken, nun müsse das ganze Thema abgearbeitet werden. Sollten weitere Fragen aufkommen, wird das Kind mit Sicherheit die nächste Frage stellen.

Schamgefühl entwickeln Kinder erst ab dem Alter von drei Jahren, bis dahin sind Nacktsein und sich Zeigen einfach toll. Das kennen alle Eltern, die sich vergebens bemühen, ihre Kleinen ohne Geschrei in die Klamotten zu zwängen. Beim Schamgefühl kommen übrigens wieder die Eltern ins Spiel. Unsichere, schlimmstenfalls ablehnende Reaktionen hemmen die Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung. Das ist leicht nachvollziehbar, ergeht es doch uns Erwachsenen auch nicht anders. Wenn wir auf ablehnende Reaktionen stoßen, verunsichert das die meisten von uns. Nur mit dem Unterschied, dass wir von der Meinung anderer nicht mehr abhängig sind. Bei den Kleinen führt diese Ablehnung allerdings dazu, dass sie bis zum Alter von sieben Jahren gelernt haben, ihre sexuellen Handlungen zu verbergen. Wenn Ihr also Eure lieben Kleinen dabei beobachtet, wie sie sich möglicherweise bis zum Orgasmus stimulieren, lasst ihnen doch das Vergnügen. Sollte das in Situationen geschehen, in denen es Anstoß erregt, reicht eine liebevolle Unterbrechung.

Eine gesunde Einstellung zur Sexualität geht über Aufklärung hinaus

Kinder sind ganz einfach darauf angewiesen, von ihren Eltern in ihrer Ganzheit angenommen und ernstgenommen zu werden! Nur so können sie ein gesundes und stabiles Selbstwertgefühl entwickeln. Es sind gerade die ersten Lebensjahre, die nicht nur die Persönlichkeit prägen sondern eben auch das Verhältnis zur Sexualität und zum eigenen Körper. Dazu gehören allerdings nicht nur der unbefangene Umgang mit Nacktheit oder aufklärende Gespräche. Es gehört so viel mehr dazu. Wer schon als Baby lernt, dass die Bedürfnisse nach Liebe, Nähe, Aufmerksamkeit, Nahrung nicht gestillt werden, wird auch als Erwachsener kein Gefühl der Sicherheit entwickeln können. Es gibt so viel zu beachten. Und so viel zu entdecken! „Mutter sag, wer macht die Kinder“ von Janosch ist mein Literarturtipp für Eltern, die mit ihren Kindern leicht und locker über Sexualität sprechen möchten.

 

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