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Wie lange dauert guter Sex?

Wir Menschen haben die Eigenart, alles zu vermessen. Wie lange? Wie oft? Wie hoch? Wie weit? Wie schwer? Und vor allem: Was ist normal? So versuchen wir es auch in der Liebe: Uns treibt die Frage nach der Normalität um, bewegen wir uns im Durchschnitt oder liegen wir darüber oder darunter? Dabei verlassen wir uns viel zu oft auf die Zahlen, Daten und Fakten, die Studien und Umfragen ergeben. Wie lange dauert guter Sex? Wie viele Frauen kommen beim Liebesspiel zum Orgasmus? Welche Penislänge ist die Beste? Dabei ist es gerade in der menschlichen Sexualität so gut wie unmöglich, verlässliche Zahlen zu bekommen. Und schon gar nicht gibt es so etwas wie Objektivität. Dafür ist sie viel zu sehr von der Gesellschaft, der Persönlichkeit und den Erfahrungen geprägt. Nicht zuletzt neigen wir gerade in unserem Sexleben zu Lügen. Das hat in diesen Tagen das ZDF für die Sendung „Lust und Liebe“ erlebt. Die Probanden wurden nach dem ersten Mal ein zweites Mal befragt, diesmal unter Vorgaukeln eines Lügendetektor-Tests. Und siehe da, plötzlich war alles ganz anders.

Was ist denn guter Sex überhaupt?

Deshalb drehe ich den Spieß um und frage: Was ist denn guter Sex überhaupt? Was ist überhaupt Sex? Da fängt es doch schon an. Denn das ist gar nicht so einfach, schließlich sieht das jeder anders. Bill Clinton hatte gar keinen, immerhin handelte es sich doch nur um Oralverkehr, den er da mit seiner Praktikantin praktizierte hatte. Und so wie er verstehen auch viele andere Menschen unter diesem Begriff erst einmal nur den Geschlechtsverkehr. Der dauert laut dem Institut für Männergesundheit in Hamburg im deutschen Durchschnitt ganze fünf Minuten. Der eine kann hier etwas länger, der andere etwas kürzer. Das ist Sex, klar. Aber ist das auch schon alles? Und ist das gut? Fragen wir die Frauen, schütteln sie die Köpfe. Nein, ein paar Minuten Rein-Raus machen allein noch keinen guten Sex aus. Zwei Drittel aller Frauen bekommen dabei ohnehin keinen Höhepunkt. Laut der Wiener Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna sind es sogar ganze 96%, die hier leer ausgehen. Aber ist ein Orgasmus denn überhaupt ein Maßstab für guten Sex? Nein! Auch schon wieder Fehlanzeige. Laut der Sexualmedizinerin ist jede zweite Frau auch ohne einen Höhepunkt sexuell zufrieden. Ist es dann vielleicht gar der gleichzeitige Höhepunkt? Hoffentlich nicht, denn den erreichen nur 3% aller Paare.

Zeit ist relativ

Es ist einfach alles relativ. Ganz besonders beim Sex. Was für den Einen genau richtig ist, kann für den Anderen zu kurz sein. In einer weltweit durchgeführten GSSAB-Studie (Global Study of Sexual Attitudes and Beliefs) wurde unter anderem zum vorzeitigen Samenerguss geforscht. Die Ergebnisse wurden von dem italienischen Sexualforscher Emmanuelle Jannini folgendermaßen interpretiert: Ein schnelles Kommen gilt im Mittleren Osten als Zeichen von Männlichkeit. Die Männer in Südostasien hingegen lassen sich Zeit. Der Orgasmus der Frau spielt durch den traditionellen Einfluss der Tantra-Philosophie eine sehr große Rolle und ein zu frühes Kommen stellt deswegen ein besonderes Problem dar. Wenn das doch hier auch nur so wäre! Wenn es nach uns Frauen ginge, würde der durchschnittliche Koitus sicherlich weit mehr als fünf Minuten dauern. Vielleicht eine halbe Stunde? Denn wir brauchen eben länger bis zu unserem Orgasmus! Und wir brauchen vor allem viel mehr.

Sex ist mehr als Geschlechtsverkehr!

Deswegen sage ich: Zu einem guten Liebespiel gehört ganz klar ein ausgedehntes Vorspiel. „Meine Brüste sind Herz- und Türöffner“, sagte neulich eine Frau zu mir. Und so sind auch Hand- und Zungengeschicklichkeit gefragt. Und das gilt nicht nur für das Lustempfinden der Frauen. Auch Männer sind überglücklich, wenn sich ihre Liebste ausgiebig mit den erogenen Zonen, vornehmlich denen in der Körpermitte, beschäftigt. Aber schon wieder bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass ein langes Zusammensein automatisch für die große Lust steht. Auch ein Quickie zwischen Tür und Angel kann richtig guter Sex sein. Denn die größte erogene Zone befindet sich in unserem Gehirn. Das Kopfkino spielt die erste Geige, wenn es darum geht, wie toll wir etwas finden. Und wenn wir erst einmal so richtig in Fahrt sind, kann guter Sex fünf Minuten dauern oder auch eine halbe Stunde oder gar zwei. Er kann sogar am Telefon oder über das Smartphone stattfinden. Er braucht keinen Orgasmus und keinen Koitus. Aber wenn wir ihn haben, dann merken wir das und dann ist es völlig unerheblich, wie lange er dauert: Wir werden ihn so schnell nicht vergessen!

 

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