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Wenn ältere Menschen die Lust neu entdecken

Die Frau auf dem Bild ist meine Großmutter mütterlicherseits. Wer der Mann neben ihr ist, kann ich nicht sagen. Er ist jedenfalls nicht ihr Ehemann, denn der war damals schon verstorben. Ihr Liebhaber? Wer weiß? Aber das glaube ich nicht wirklich. Das Bild muss Anfang der 1960er Jahre aufgenommen worden sein. Meine Mutter hatte flott ihren Führerschein gemacht und  sich von ihrem ersten Gehalt diesen Käfer gekauft. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders und der Adenauer-Ära, die auch als erotische Eiszeit in die Geschichte eingegangen ist. Alle Kraft wurde in den Wiederaufbau gesteckt, für amouröse Abenteuer oder eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Lust war nach dem Krieg keine Zeit. Die Erziehung der Generation meiner Eltern war dementsprechend lustfeindlich geprägt. Mein Vater erzählte von dem Dorfpolizisten, der sich nachts auf die Suche nach an Fenstern angelehnte Leitern machte. Es war die Zeit, in der der Kuppeleiparagraf verbot, unverheirateten Paaren ein Dach über dem Kopf zu bieten. Abtreibung war verboten, Sex galt als etwas Schmutziges. Aufklärung gab es nicht, noch nicht einmal durch die Bravo. Es ist die Zeit, in der meine Eltern aufgewachsen sind. Wie soll man ein lustvolles Verhältnis zum eigenen Körper aufbauen, wenn der doch tabu war? Ein Liebhaber für meine Großmutter? Unvorstellbar, schon gar nicht in ihrem Alter. Das gehörte sich nicht. Sie war Witwe und das blieb sie auch bis zu ihrem frühen Tod. Aber dann kamen die sechziger Jahre und die sexuelle Revolution riss zumindest einen Teil der jungen Generation mit. Aber eben nur einen Teil. Die anderen blieben verklemmt und gehemmt mit ihren Wünschen und Sehnsüchten zurück. Sie sind diejenigen, die heute siebzig Jahre und älter sind. Mit Glück hat sich ihre Einstellung zur Sexualität in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Aber es ist nicht einfach, das, was man in jungen Jahren lernt, über Bord zu werfen, nur weil die Zeiten sich ändern.

Was bedeutet Sexualität für uns ganz persönlich?

Lange Zeit galt das Dampfkesselmodell von Sigmund Freud. Es stellte den Mann als eine Art Sammelbecken für sexuelle Energie dar. Und die musste in Form einer Ejakulation regelmäßig abgelassen werden. Keine besonders lustvolle Vorstellung. Heute wissen wir, dass es überhaupt keinen Samenstau gibt. Was sich durch sexuelle Erregung ansammelt, wird vom Körper einfach wieder abgebaut, wenn es nicht hinauskommt. Vor allem für die Frauen, die in der oben beschriebenen sexuell sehr restriktiven Zeit aufgewachsen sind, war Sex jedoch oft eine reine Pflichterfüllung, die wenig mit Spaß zu tun hatte. Den hatten die Männer häufig in ihren Außenbeziehungen, aber nicht mit ihren Ehefrauen. Sex war Koitus. Punkt, Ende, aus. Weiblicher Orgasmus? Fehlanzeige. Der wurde ja überhaupt erst in den Siebzigern dank der Sexualforscherin Shere Hite bekannt.

Ganz einfach übersetzt steht Sexualität im biologischen Sinne für Geschlechtlichkeit, das Zeugen von Kindern. Darüber sind wir lange hinaus. Wir brauchen Sex nicht mehr zwingend, um uns fortzupflanzen. Immerhin entsteht heute schon jedes fünfte Kind im Labor. Sexualität ist vielmehr eine Form der sozialen Interaktion. Wir kommunizieren über unsere Körper, drücken Zuneigung und Akzeptanz aus, fühlen uns geborgen und wertgeschätzt. Aber was bedeutet Sexualität für den Einzelnen? Genau darüber spreche ich regelmäßig und bekomme dabei ganz unterschiedliche Antworten. Die einen verstehen darunter den körperlichen Ausdruck von Liebe mit Geschlechtsverkehr und Orgasmus als Zentrum. Und die anderen sehen eher eine spirituelle Energie, für die der Orgasmus völlig unerheblich ist. Die einen sehen nur den Koitus, die anderen Oralverkehr, Rollenspiele, erotische Massagen, Analsex, Zärtlichkeit oder wilde Geilheit.

Sexualität ist nicht einfach da. Es gibt auch keine natürliche Sexualität. Wir alle werden von dem geprägt, was wir von unseren Eltern und der uns umgebenden Gesellschaft mitbekommen. Deshalb lohnt es sich, einmal ganz genau hinzuschauen, was wir ganz persönlich erlebt haben. Wie sind wir erzogen worden? Wie war die Einstellung unserer Eltern gegenüber Sexualität? Wie sind sie damit umgegangen? Wie offen waren sie oder wie verklemmt? Konnten wir Gefühle von Lust und Freude zulassen? Wurden unsere Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit befriedigt? Was wissen wir eigentlich über Sexualität? Welche Möglichkeiten haben wir, uns zu informieren?

Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede im Erleben und nicht alle sind damals so restriktiv erzogen worden. Natürlich haben viele auch schon im Laufe ihres Lebens die Lust entdeckt. Schließlich haben wir jede Menge rüstiger Ü-Siebzigjähriger unter uns. Und es werden immer mehr. Aber es gibt darunter eben auch die, die ich ermuntern möchte, neue Wege zu gehen. Manchmal ist es eine neue Liebe, die die sexuelle Energie wieder entfacht. Und dann ist das toll! Vor allem, weil es heute möglich ist, sich auch spät noch einen neuen Partner oder eine neue Partnerin zu suchen. Heute wäre das somit auch für meine Großmutter eine Möglichkeit gewesen. Aber auch unter den jüngeren Menschen gibt es viele, die das große sexuelle Erwachen noch vor sich haben. Spannend ist übrigens auch, dass jede Generationen ja wieder ganz anders geprägt ist. Je weiter wir voranschreiten, desto liberaler wird die Auffassung von Sexualität. Allerdings scheinen sich die Vorzeichen umzukehren. Auf das, was damals verboten war, hat demnächst schon keiner mehr Lust. Vom Verbot zum Gebot bis hin zur Lustlosigkeit. Wenn ich irgendwann die Siebzig erreicht habe, stehen mir vermutlich alle Möglichkeiten offen. Und dann habe ich vielleicht gar keine Lust 😉

Zum Lernen ist es nie zu spät

Und jetzt komme ich endlich zum Punkt: Zum Lernen ist man nie zu alt. Heute gibt es eine ganze Reihe an Aufklärungsliteratur speziell für ältere Menschen. Ganz genau wird erklärt, was Sexualität ist, wie sie lustvoll gelebt werden kann und wie Liebende mit den Unwägbarkeiten des Alterns umgehen können. Auch im höheren Alter lässt sich noch durchaus die Lust am Sex und vor allem auch am eigenen Körper entdecken. Wir müssen es nur wollen und uns weiterentwickeln. Das Bild vom Mann als Dampfkessel herrscht noch in so manchem Kopf vor. Weg damit! Weg vom Koitus als einzigem Ausdruck von Sex. Her mit all den anderen wunderbaren Möglichkeiten! Das würde auch den Druck auf die allzeit verfügbare Erektion mildern. Denn die brauchen wir gar nicht, um lustvoll Sexualität genießen zu können. Aber nur zwei Drittel der heute über Fünfzigjährigen nehmen ihre Hände zur Stimulation der Genitalien zur Hilfe. Das können wir ändern! Sex ist also so viel mehr als Geschlechtsverkehr und guter Sex geht sogar ganz ohne. Das ist doch wunderbar, oder?!

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