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Versöhnungssex – Ab in die Kiste?!

Die Fetzen fliegen. Sie will das eine, er das andere. Vielleicht fliegen Gegenstände, zumindest aber Worte, die wie Pfeile verletzen können. Kein Ende ist in Sicht. Die Fronten sind verhärtet. Kann Sex die Situation retten? Ein heftiger Streit gefolgt von intensivem Sex? Das ist ja das Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an Versöhnungssex denken. Eine Brücke soll über die Kluft zwischen den Liebenden gebaut und alles wieder gut werden. Sex als Allheilmittel sozusagen. Aber kann das tatsächlich funktionieren? Oder muss das Problem nicht vielmehr erst geklärt sein, bevor es ab in die Kiste geht? Und ist das dann noch Versöhnungssex?

Starke Gefühle haben Suchtpotential, lösen die Probleme aber nicht

Eine Patentlösung gibt es nicht, dazu sind die Menschen und ihre Auseinandersetzungen viel zu verschieden. Aber es gibt tatsächlich Paare, die auf diese Weise – Beilegung des Streits durch Sex – ihre Konflikte bearbeiten. Die Lösung ist jedoch zumeist nur von kurzer Dauer. Denn die Sache ist ja nicht geklärt, zumindest nicht bei tiefergehenden Problemen. Sie wird nur verschoben und kommt bei der nächsten Gelegenheit wieder zur Sprache. Dann folgen der nächste Streit und der nächste Versöhnungssex. Ein Rausch der Hormone, der dem US-Wissenschaftler Seth Meyers zufolge süchtig machen kann. Denn bei einem Streit wird verstärkt das männliche Sexualhormon Testosteron, das sich bei Frauen auch in geringer Menge findet, ausgeschüttet. Ein hoher Testosteronspiegel sorgt nicht nur für aggressives Verhalten sondern steigert auch das sexuelle Verlangen. Kommt es dann zum Sex, werde Meyers zufolge ein Hochgefühl ähnlich dem Kokainrausch ausgelöst. Durch den intensiven Körperkontakt wird zudem das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Die Partner fühlen sich nah und ihrer gegenseitigen Liebe bestätigt. Dieses intensive Gefühl gilt es laut Meyers wiederzuerlangen, ähnlich der Suche eines Drogenabhängigen nach dem nächsten Kick. Oder ähnlich einem Adrenalinjunkie vor dem nächsten Bunjeesprung. Ich würde meinen, dieses ewige Hin und Her hält den Adrenalinspiegel hoch und dürfte ziemlich anstrengend sein.

Die emotionale Bindung durch körperliche Nähe stärken

Für die meisten Paare ist das denn auch keine sinnvolle Strategie. Der Hauptgrund besteht natürlich nicht darin, dass man sich dies wissentlich überlegt hat. Nein, es liegt wohl eher daran, dass die meisten Menschen einfach nicht bereit sind, sich körperlich auf den Partner einzulassen, wenn der Streit noch nicht beigelegt ist. Zuerst müssen das Problem gelöst und dann die gegenseitigen Vorwürfe oder Kränkungen bereinigt werden. Aber wenn das erst einmal der Fall ist, kann über die körperliche Kommunikation wieder Nähe und Intimität zwischen den Partnern hergestellt werden. Damit sollte man meines Erachtens auch nicht allzu lange warten. Schließlich wird die emotionale Bindung über die körperliche Nähe vertieft und gefestigt. Aber ob das nun gleich Sex sein muss, sei dahin gestellt. Intensive Umarmungen und Zärtlichkeit erfüllen genauso ihren Zweck. Versöhnungskuscheln statt Versöhnungssex.

Was man auf jeden Fall nicht machen sollte ist, sich auf ein Liebespiel einzulassen, weil man hofft, den Partner oder die Partnerin dadurch umzustimmen. Denn dann ist der Sex nicht mehr Ausdruck von gegenseitiger Liebe, sondern wird vielmehr instrumentalisiert und benutzt. Der Sex wird zur Ware und das tut keinem von Beiden gut. Egal, wie es weitergeht, es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Streit und Sex sorgen für Lebendigkeit in der Beziehung

Streiten ist gut, denn dadurch werden Grenzen abgesteckt. Man muss sich für die eigene Meinung stark machen und aushandeln, inwieweit man dem Anderen entgegen kommt. Das stärkt auch die eigene Autonomie in der Beziehung. Sex ist dabei eine tolle Möglichkeit, sich wieder nahe zu kommen und die Beziehung zusätzlich zu festigen. Man driftet auseinander und kommt dann mit mehr oder weniger Karacho wieder zusammen. Streiten und sich lieben bringt Spannung in eine Beziehung. Und das ist gut so. Denn nichts ist langweiliger als Paare, die sich immer und in allem einig sind. Vor allem, wenn es immer nur ein Partner ist, der um des lieben Friedens Willen auf seine eigene Meinung verzichtet.

 

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