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Traut Euch! Coming Out Day is coming soon!

Bei dem Begriff „Coming Out“ fallen uns zuallererst Jugendliche ein: Junge Menschen, die sich zum ersten Mal vor sich selbst und dann auch vor ihrer Familie, ihren Freunden und der Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen. Es geht jedoch nicht nur um schwul, lesbisch oder bi. Das Coming Out gilt ebenso für Transgender, also jene Menschen, deren gefühlte Geschlechtsrolle nicht der ihres Körpers entspricht. Und es sind auch nicht nur Jugendliche, die sich outen. Viele Menschen erkennen erst spät, wen sie wirklich lieben möchten. So ist das Coming Out ein großer Schritt im Leben eines jeden Menschen – vor sich selbst und vor den anderen. Dieser Tag ist wie ein zweiter Geburtstag, denn endlich ist es vorbei mit der Heimlichtuerei, der Liebe im Verborgenen, der Angst davor erwischt zu werden. Nur sind die Folgen leider oft nicht absehbar.

Anders-Sein grenzt immer noch aus

Sehen wir uns die Situation der Jugendlichen in Deutschland an. Zwar gibt es ein breites Angebot an Beratungsstellen, doch finden sich diese vor allem in den größeren Städten. Auf dem Land hingegen sieht es mau aus. „Als Resultat von anhaltenden Diskriminierungserfahrungen und ohne die Möglichkeit von Unterstützung haben lesbische und schwule Jugendliche eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate, leiden öfter an Depressionen, Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten. Jugendliche müssen monatelangen Hausarrest und somit den Abbruch ihrer sozialen Kontakte erleiden. Und auch heute noch werden lesbische und schwule Jugendliche von zuhause rausgeworfen, wenn sie sich outen.“ – So der Coming Out Day e.V., der speziell auf die Situation von schwulen und lesbischen Jugendlichen aufmerksam macht.

Eigene Moralvorstellungen, Religion und das enge Korsett der Gesellschaft lassen viele Menschen jahrelang in der aufgezwängten Heterosexualität verharren. Wie lebt man aber damit, wenn man im Verborgenen lieben muss? Schlecht – egal aus welchen Gründen auch immer dies geschieht. Denken wir an die beiden Protagonisten aus dem Film Brokeback Mountain. Sehr anschaulich wird dargestellt, wie sie ihre Liebe zueinander erkennen, sie aber aufgrund der eigenen und der gesellschaftlichen Moralvorstellungen nicht annehmen können. Diesen inneren Kampf erlebt der Zuschauer hautnah auf der Leinwand mit.

Gerade ältere Menschen sind in Zeiten aufgewachsen, in denen auch in Deutschland Homosexualität noch unter Strafe stand. Erst am 11. Juni 1994 wurde der Paragraph §175 StGB, der sogenannte „Schwulen-Paragraph“ ersatzlos gestrichen. Das ist gerade einmal 21 Jahre her. Und so spielt auch die Politik des jeweiligen Landes eine große Rolle. Russlands Präsident Putin hat die Lage für Homosexuelle erheblich erschwert, indem er 2013 das sogenannte Gesetz gegen Homosexuellen-Propaganda unterzeichnete. Damit werden positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder die Verbreitung über Medien unter Strafe gestellt. In Ländern wie Iran, Saudi Arabien oder dem Jemen droht bei homosexuellen Handlungen gar die Todesstrafe.

Just in diesen Tagen sorgt ein schwuler Priester für weltweites Aufsehen. Nach seinem Coming Out ist er vom Vatikan von all seinen Ämtern entbunden worden. Schwul-Sein in der katholischen Kirche? Nein, das geht dem Vatikan dann doch zu weit. Nun könnte man meinen, in Deutschland seien wir doch aufgeklärt. Immerhin gibt es bei uns viele Prominente, die ein scheinbar von der Gesellschaft akzeptiertes Leben führen. Weit gefehlt. Ein schwuler Fußballer? Geht gar nicht. Homosexualität wird im Sport als Schwäche gewertet. Und schwule Politiker müssen durch besonders männliches Gebaren imponieren, um akzeptiert zu werden. Laut dem Lesben- und Schwulenverband LSVD haben sich branchenübergreifend 50 Prozent der Homosexuellen aus Angst vor offenen oder subtilen Diskriminierungen im Job nicht geoutet. Das würde ich nicht als aufgeklärt bezeichnen.

Come out and find in!

Der am 11.10.2015 weltweit ausgerufene Coming Out Day soll die Menschen nun gerade dazu ermutigen. Sie sollen sehen, dass sie nicht allein sind. Und das sollen auch die Menschen um sie herum sehen. Auch sie sollen ihre Unterstützung bekennen. Die sexuelle Orientierung ist aber nicht alles, was einen Menschen ausmacht. Sie ist nur ein Teil unseres Lebens und unserer Persönlichkeit. Es ist falsch, wenn wir die Menschen darauf reduzieren. So haben LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) dieselben ganz normalen Sehnsüchte und Wünsche, die Heteros auch haben: Liebe, Intimität, Nähe, Freundschaften, Beziehungen und die ganz normale Lust am Leben. Wenn wir die Menschen nicht auf ihre sexuelle Orientierung reduzieren, können wir sie viel besser in ihrer ganzen wunderbaren Einzigartigkeit wahrnehmen. Dazu gehört auch, sie kennenzulernen, um Vorurteile abzubauen. Und genau das soll der Coming Out Day bewirken.

 

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