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So liebt die Jugend

Solange ich mich erinnern kann, hat man sich über die Jugend aufgeregt. Spätestens seit der Nachkriegsgeneration galt sie als zügellos, wild, rebellisch, sexuell aufgeladen. „Lebendig“ hätte man auch sagen können. Angefangen bei den Jungen Wilden Anfang der 50er, deren berühmtester Vertreter James Dean heute noch als Idol zählt, über die wilden 68er mit der Ikone Uschi Obermaier bis hin zu meiner eigenen Generation mit Madonnas sexuellen Inszenierungen. Sex & Drugs & Rock’n Roll. Meine Eltern, die aus der erotischen Eiszeit der Adenauer Ära stammten, hatten kein Verständnis für erotische Abenteuer, Romanzen und One Night Stands. Aufklärung gab es vornehmlich durch die Jugendzeitschrift Bravo. Zu Hause wurde das Thema tunlichst unter den Teppich gekehrt. So ging es auch vielen anderen. Nur, gerade das Verbotene und Geheimnisvolle ist ja nun einmal besonders reizvoll. Also machten wir uns auf die Suche und bestätigten damit das Vorurteil unserer Eltern, die Jugend sei ganz anders als ihre Generation und das ihrer Meinung nach oft nicht im Positiven. Heute sieht das ganz anders aus. Ich habe mittlerweile häufiger von Eltern gehört, ihre Kinder seien umgekehrt viel konservativer in ihren Ansichten und in ihrem Lebensstil als sie selber es je waren. Sie nähmen keine Drogen, bauten Eigenheime und seien viel zu früh in festen Beziehungen. Ups! Was ist denn da los?!

Der Wertewandel bestimmt den Umgang mit Sexualität

Ja, da hat sich wirklich viel verändert. Für die Nachkriegsgeneration gehörten Liebe und Sexualität noch ganz klar in die Ehe. Wer da aus der Reihe tanzte, hatte mit gesellschaftlichen und elterlichen Sanktionen zu rechnen. Durch die sexuelle Revolution, die ihre Ursache nicht zuletzt in der Entwicklung der Anti-Babypille hatte, wurden die gesellschaftlichen Konventionen in den späten 60ern des letzten Jahrhunderts jedoch gelockert und voreheliche Beziehungen mit vorehelichen sexuellen Erfahrungen auf einmal möglich und sogar erwünscht. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch spricht von einer weiteren sexuellen Revolution in den 90ern, der neosexuellen Revolution. Hier löst sich auch die Bedeutung der Ehe auf. Sexualität ist allgegenwärtig, frei verfügbar und verliert dadurch immens an Macht. Sie ist ein Konsumgut, dessen wir uns jederzeit bedienen können, sei es allein, zu zweit oder mit ganz vielen. Und wie alles, das wir im Überfluss zur Verfügung haben, verliert auch sie dadurch an Reiz. Der Lustfaktor der Sexualität, der die Generationen davor angetrieben hat, wird zunehmend schwächer. Das ganz große Gefühl stellt sich nur durch das Erleben von körperlichen Sensationen allein nicht mehr ein. Heute wird Sex erst wieder als spannend erlebt, wenn er mit Liebe verbunden ist.

Die Jugend ist romantisch und verantwortungsbewusst

Und so sieht es heute auch aus: Romantische Vorstellungen von Liebe und Beziehung prägen die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Statt elterlicher und gesellschaftlicher Verbote bestimmen und regulieren sie selber. Sexualität findet größtenteils in Beziehungen statt und ist normal, die großen Grenzüberschreitungen bleiben aus. Früh werden sie durch Aufklärung und vor allem auch die Medien mit Sexualität in allen Facetten konfrontiert. Zwar schauen 50% der 16-19jährigen Jungen ein Mal pro Woche und mehr Pornos. Zwar gucken Mädchen Pornos, um mitreden zu können. Die Angst, sie könnten nicht zwischen Realität und Wirklichkeit unterscheiden, hat sich jedoch nicht bestätigt: Je älter sie werden, desto überzeugter sind sie, dass der Sex in den Pornos eben nicht die Realität widerspiegelt. Das hat Dr. Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie vom UKE in Hamburg in ihren Studien ganz klar festgestellt.

Jungen wünschen sich Beziehungen und lernen, über ihre Gefühle zu reden. Sie respektieren die Grenzen der Mädchen, die heute sexuell den Ton angeben. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Mädchen auf den ersten Sex einlassen, weil sie Angst haben, ihren Freund zu verlieren. Waren es hier 1970 noch 80%, betrifft das heute nur noch jedes fünfte Mädchen. Auch das Verhütungsverhalten ist vorbildlich. Die neue BzgA-Studie (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) zur Jugendsexualität 2015 zeigt es deutlich: Beim ersten Mal verhüten 73 Prozent der 14- bis 25-Jährigen mit einem Kondom. Laut den Daten des Statistischen Bundesamts sind Schwangerschaften unter Minderjährigen im Gegensatz zu Ländern mit restriktiver Sexualmoral wie den USA gering: Ca. vier von 1000 Schwangerschaften entfallen auf unter 18-Jährige Mädchen. Und auch das älteste Vorurteil aller Zeiten, der erste Sex finde immer früher statt, ist eindeutig widerlegt. Mädchen sind beim ersten Mal im Schnitt 16,5 Jahre, Jungen etwas älter.

Moral mit Migrationswurzeln

Es ist meiner Meinung nach aber nicht nur der heute so viel offenere Umgang mit Sexualität, der sich auf das Erleben der Jugendlichen auswirkt. Ein Drittel der jungen Menschen hat heute einen Migrationshintergrund und dadurch bedingt zum Teil eine andere, eine traditionellere, Auffassung von Sexualität. Das überträgt sich genauso in die eine Richtung wie in die andere. Und so kommt das auch in der Studie der BzgA zum Tragen: Für 28% der Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund spielt Sexualität vor der Ehe keine Rolle. Diese Mädchen beeinflussen natürlich die Mädchen in ihrer Peergroup. Dafür hat sich anderseits das Verhütungsverhalten dieser Jugendlichen enorm verbessert. Schauen wir also mal, wohin uns der Weg führt. Es bleibt auf jeden Fall spannend!

 

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