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Partnerschaft: Wohin führt uns der Weg?

Obwohl wir wissen, das die Menschheit im Verhältnis zur Lebenszeit des Universums erst einen Wimpernschlag auf der Erde verweilt, neigen wir gern zu der Aussage: „Das war doch schon immer so!“ Schon immer gab es die Prostitution, schon immer waren die Menschen Jäger und Sammler, schon immer hat Hamburg rot gewählt. Schon immer? Manchmal stimmt das ja auch. Aber manchmal eben auch nicht. Kindheit als Lebensphase des Lernens und der Erziehung beispielsweise ist eine Erfindung des Bürgertums. Vorher waren Kinder billige Arbeitskräfte und mussten arbeiten, sobald sie in ganzen Sätzen sprechen konnten. Aha, da sieht man schon, das war nicht nur nicht immer so, es ist auch heute in vielen Teilen der Welt nicht so. Mit der Liebe und Beziehungen ist es auch so eine Sache. Die waren nämlich auch nicht schon immer so. Und sie sind beileibe nicht überall auf der Welt so wie bei uns. Und hier hat sich auch schon viel verändert. Die Frage ist, wohin uns der Weg führt und wie sich Beziehungen an gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen anpassen.

Ein Blick zurück in die Geschichte

Wenn wir uns ansehen, wie sich der Weg zu unserem heutigen Verständnis von Ehe und Liebe entwickelte, können wir uns besser vorstellen, dass es da tatsächlich weiterhin Veränderungsmöglichkeiten gibt. Die Vorläufer unseren heutigen Vorstellungen von der Ehe stammen aus der Zeit des Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Bis dahin arbeiteten, lebten und schliefen alle zusammen im „Ganzen Haus“: Eheleute, Kinder, Gesinde. Für uns heute kaum vorstellbar, wuchsen die Kinder zu dieser Zeit übrigens eher beiläufig auf. Eine große emotionale Bindung gab es nicht. Dies trug laut des Sexualforschers Gunter Schmidt auch zu der hohen Kindersterblichkeit bei. Dann bildete sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung die Kleinfamilie heraus. Arbeiten und Wohnen wurden getrennt. Unter einem Dach gab es nur noch zwei Erwachsene, die einen Haushalt führten. Und damit erst entwickelte sich die emotionale Bindung nicht nur zum Ehepartner sondern auch zu den Kindern. Waren es bis dahin vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Menschen aneinander banden, wurden im Laufe der Zeit Gefühle als Basis einer Ehe immer wichtiger. Der Partner wurde einzigartig und gewann immens an Bedeutung. Es entwickelte sich langsam das Ideal der tiefen, aber auch „vernünftigen“ Liebe zu diesem einen Menschen. Und damit entwickelte sich auch erst das Ideal von Sexualität als Ausdruck von Nähe, Intimität und Leidenschaft. Dass Liebe und Leidenschaft die alleinige Basis einer Partnerschaft bilden, ist jedoch eine Entwicklung unserer modernen Zeit. Und das Problem damit kennen wir (fast) alle.

…bis dass der Tod euch scheidet?

Niemand, der heute heiratet, geht davon aus, dass diese Ehe nur ein paar Jahre halten wird. Wozu sonst wäre der ganze Aufwand wert? Ideal wäre doch eine Liebe, die so lange hält, bis einer der beiden zu Grabe getragen wird. Zwar gibt es Paare, die vor allem aus steuerlichen Gründen heiraten. Die meisten anderen jedoch suchen diesen einen Ort, an dem sie sich zuhause und sicher fühlen können. Angekommen sein, wo man für den Rest des Lebens bleiben möchte. Gerade steigt die Zahl der Heiratswilligen auch wieder an. Wenn sich nur nicht die äußeren Bedingungen immer wieder ändern würden und Liebe nicht so ein enorm fragiles Gefühl wäre. Und so sprechen die Zahlen gegen die Liebe auf ewig. Laut statistischem Bundesamt werden 35% aller in einem Jahr geschlossenen Ehen innerhalb der nächsten 25 Jahre geschieden. Nun gut, könnte man meinen, 25 Jahre sind ja auch schon eine lange Zeit. Da kann man Häuser bauen und Kinder großziehen. Es scheint allerdings das sechste Jahr zu sein, an dem die meisten Ehen scheitern. MHD sechs Jahre? Monatelange Vorbereitungen, Kosten in Höhe eines mehr oder weniger großen Kleinwagens und dann so schnell der Stress einer Scheidung? So ganz glauben die meisten auch nicht mehr an die lebenslange Ehe. Das sieht man auch daran, dass der Satz „…bis dass der Tod euch scheidet“ still und heimlich aus den Treueschwüren vor dem Altar verschwindet. Liebe und Leidenschaft reichen als Basis für ein jahrzehntelanges Zusammenbleiben leider nur in den seltensten Fällen aus.

Scheidung ist ein Privileg der Neuzeit

Heute brauchen wir keinen Trauschein mehr für das Zusammenleben. Dass das allerdings auch große rechtliche Nachteile haben kann, merkt so mancher erst, wenn der Partner oder die Partnerin vorzeitig stirbt und man dann eben formal nicht zur Familie gehört. Auf der anderen Seite können heute Homosexuelle heiraten. Die Sache mit den gleichen Rechten für alle schaffen wir auch noch. Da bin ich zuversichtlich. Dass wir uns heute trennen und scheiden lassen können, halte ich für ein Privileg, das die Generationen vor uns nicht hatten. Ich muss da gerade an Heinrich den VIII. denken, der gleich ganz England aus der katholischen Kirche riss, nur um seine neue Liebste heiraten zu dürfen. Heute ist eine Scheidung eine persönliche Tragödie, die frischgebackene Alleinerziehende häufig in den Bezug von Hartz IV treibt. Aber es ist möglich und wird gemacht. Wir sind nicht mehr unter allen Umständen an den einen Partner gebunden. Trotzdem wird diese Zweier-Konstellation weiterhin von allen Seiten promoted. Partnerbörsen, Soaps, Liebesfilme. Modelle wie die Polyamory bleiben eine Randerscheinung. Wir wollen schließlich nur den einen Partner lieben und von ihm oder ihr geliebt werden. Wir wollen eine Sicherheit, die es de facto nicht gibt.

Ehe auf Zeit

Das klassische Modell hat also seine Macken. Vielleicht brauchen wir etwas Neues. Was es nicht geben kann, ist die EINE ultimative Beziehungsform, die für alle Menschen die Beste wäre. Wie auch? Aber ich habe da eine Idee: Wie wäre es mit der Ehe auf Zeit? Man legt sich bei der Hochzeit auf eine bestimmte Dauer fest. Zwei Jahre, fünf Jahre, zehn Jahre. Und dann schaut man vor dem Ablauf der Zeit gemeinsam, ob man verlängern möchte oder nicht. Das könnte man direkt mit einem Coaching verbinden. Was lief gut, was weniger, was wollen beide Partner für die Zukunft? Gibt es eine weitere Basis? Allein das Wissen, dass der Partner oder die Partnerin nicht für ewig da ist und womöglich eine eigene Entscheidung treffen wird, könnte die Sache spannend werden lassen. Denn wir wollen ja immer gerade das haben, was uns nicht gehört. Nur dann können wir dauerhaft begehren. Und dauerhaftes Begehren ist die Basis unserer heutigen Beziehungen. Was meint Ihr? Völliger Blödsinn? Oder könnte man darüber nachdenken?

 

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