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Wie deutlich muss ein Nein sein, damit es jeder versteht?

„Der Angry Pirate ist eine Sexstellung, in der man seine Partnerin von hinten nimmt. Kurz vor dem Orgasmus zieht man den Penis heraus, stöhnt laut und spukt der Partnerin auf den Rücken. Im Glauben, dass der Mann gekommen sei, wird sie sich umdrehen. In diesem Moment spritzt man ihr das Ejakulat ins Auge. Schließlich muss man ihr fest gegen das Schienbein treten. Denn erst wenn sie auf einem Bein mit zusammengekniffenem Auge durch die Gegend hüpft, ist der Angry Pirate ein richtiger Angry Pirate.“ Auf den ersten Blick scheint der Witz witzig. Das liegt vermutlich daran, dass jemand eine abstruse sexuelle Situation konstruiert hat, die zu dem Namen dieses völlig unsexuellen Spiels passt. Die Frau in dem Witz könnte das Verhalten ihres Partners mit Humor nehmen, schließlich macht er ja nur Spaß. In der Realität würde sich die Situation ganz anders darstellen. Eine Frau wird getäuscht und anschließend überrumpelt. Und so verbirgt sich hier auf den zweiten Blick genau das, worum es in der Diskussion um die Verschärfung des Sexualstrafrechts geht: Nein heißt Nein. Aber wie eindeutig kann bzw. muss ein Nein sein? Und ist es überhaupt immer möglich, dieses Nein auch zu äußern? Und was passiert, wenn sich eine Frau erst später der sexuellen Gewalt bewusst wird?

Die Debatte um die Verschärfung des Sexualstrafrechts

Die Gemüter sind erregt, die Köpfe heiß geredet: Am 07.07.2016 entschied der Bundestag über die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Die Debatte ist hochinteressant. Es geht um die Frage, ob eine Tat auch dann strafbar ist, wenn sich das Opfer nicht gewehrt hat. Während die einen vehement eine Verschärfung in diese Richtung fordern, meinen die anderen, dies sei so bereits im Gesetzbuch verankert. Ich gebe ganz offen zu, dass mir hier die juristische Fachkenntnis fehlt. Das dürfte auf die meisten Leute zutreffen. Aber um die Juristerei geht es hier auch gar nicht. Jeder hat mittlerweile eine Meinung zu diesem Thema und die ist zumeist sehr persönlich gefärbt. Auslöser der aktuellen Debatte waren die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht. Plötzlich wurde allerorten über sexuelle Übergriffe von Seiten arabisch/nordafrikanischer Männer gesprochen und darüber, das Strafrecht jetzt aber endlich zu verschärfen. Ein sehr willkommener Grund, Ängste zu schüren, vor allem in Hinblick auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Es schien, als sei diese Art von Gewalt ein Novum im ach so beschaulichen Deutschland.

Eine Vergewaltigung kann auch ohne Anwendung körperlicher Gewalt eine Vergewaltigung sein

Wer im Glashaus sitzt, sollte lieber nicht mit Steinen werfen. Denn sexuelle Gewalt hat auch in Deutschland eine lange Tradition. Ich möchte nur einmal darauf hinweisen, dass Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 zur Straftat wurde. Früher war eine Vergewaltigung auch eindeutig zu erkennen: Zerrissene Kleidung, blaue Flecken und andere Verletzungen. Alles andere zählte nicht, weil es nicht nachweisbar war. Man schob es auf fremde Männer, die eine Frau mir nichts dir nichts im Dunkeln hinter einen Busch zogen. Dass sexuelle Gewalt vor allem im nahen sozialen Umfeld stattfindet, wurde ausgeblendet. Und viele hätten das auch heute gern noch so. Denn damit wäre eindeutig klar, wer Täter und wer Opfer ist. Gottseidank hat sich die Situation geändert. Heute ist allgemein bekannt, dass eine Vergewaltigung auch ohne körperliche Gewaltanwendung stattfinden kann. Ganz im Gegenteil. Psychischer Druck, Drohungen, Abhängigkeiten – schon fügt sich ein Mensch und lässt sexuelle Handlungen gegen ihren oder seinen Willen zu. Hier wird kein Nein ausgesprochen. Und deshalb konnten Täter bisher unter Umständen davonkommen. Dabei ist es offensichtlich, dass es kein gegenseitiges Einverständnis gibt. Und hier geht es auch nicht nur um Mädchen und Frauen, denn auch Jungen und Männer können zu Opfern werden. Da müssen wir uns nur einmal die Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche anzusehen.

Dann betrat Gina Lisa Lohfink die Medienbühne. Ich habe das Video, in dem die Vergewaltigung durch zwei Männer veröffentlicht wurde, nicht gesehen. Lohfink soll jedoch mehrmals ganz eindeutig Nein gesagt haben. Dieses Nein wurde eindeutig ignoriert. Körperliche Gewalt schien nicht im Spiel gewesen zu sein. Ich gehe davon aus, dass die vielen Zuschauer dies wahrgenommen hätten. Stattdessen habe ich gelesen, der Frau seien K.O.-Tropfen verabreicht worden. Diese Substanz, auch Vergewaltigungsdroge genannt, wird eingesetzt, damit Frauen sich eben nicht wehren. Dann braucht man keine Gewalt mehr anzuwenden. Gewalt braucht man aber auch nicht anzuwenden, wenn ein Mensch das tiefe innerliche Gefühl hat, sich nicht wehren zu dürfen. Ist das dann trotzdem einvernehmlich? Nein! Und dabei ist es völlig egal, welchem Beruf ein Mensch nachgeht oder wie ihr oder sein gesellschaftlicher Ruf ist. Und Lohfink sei ja schließlich ein Partygirl und sogar noch freiwillig mit den Männern mitgegangen. Muss eine Frau wirklich sexuelle Handlungen auf sich nehmen, nur weil sie mit jemandem mitgeht? Nein! Sie hat jederzeit das Recht, sich umzuentscheiden.

Eine junge Frau wurde während einer Zugfahrt von Fußballfans tätlich und verbal sexuell angegangen. Da lese ich dann Kommentare wie „Sie hätte doch sagen können, dass sie das nicht will“, „Warum hat sie sich denn nicht gewehrt?“ und so weiter. Von außen betrachtet scheint das ja auch ganz einfach zu sein. Die Frauen in der Silvesternacht hätten auch nur eine Armlänge Abstand zu halten brauchen, hieß es hinterher. Wer sich noch nicht in einer solchen Situation befunden hat, kann nicht wissen, wie sich das anfühlt: Totale Hilflosigkeit, Erstarren, innerliches Totstellen, Selbstaufgabe. Da kommt der Gedanke an Gegenwehr gar nicht auf, schließlich will man nicht provozieren und es womöglich noch schlimmer machen. Und genau das ist ja auch das Problem. So viele Frauen glauben hinterher, selber Schuld zu sein, weil sie sich eben nicht heftig gewehrt haben. Manche realisieren sogar erst viel später, was ihnen da zugestoßen ist. Eben weil in den Köpfen der Menschen immer noch das Bild der äußerlich geschundenen Frau festhängt.

Wer Grenzen achtet, braucht kein Nein

Seit dem 07.07.2016 heißt Nein jetzt auch tatsächlich Nein. Und zwar vor dem Gesetz. Da kann hoffentlich keiner mehr kommen und diskutieren, ob eine Frau selber schuld ist, weil sie doch mitgegangen sei, weil sie einen kurzen Rock getragen habe oder weil ihr gesellschaftlicher Ruf nicht einwandfrei sei. Ganz offiziell wird anerkannt, dass sexuelle Gewalt auch dann strafbar ist, wenn sich das Opfer nicht gewehrt hat. Denn wie wir oben gesehen haben, ist genau das in vielen Fällen gar nicht möglich. Die Änderung des Sexualstrafrechts birgt meines Erachtens die Chance des ganz persönlichen Umdenkens und der Neubewertung von sexueller Gewalt. Nicht zuletzt in den Köpfen der Opfer selber. Der Gedanke „Ich bin selber Schuld“ belastet die Opfer immens. Denn genau das hängt ja, wie oben angesprochen, auch bei den Opfern selber fest und ist äußerst kontraproduktiv bei der Verarbeitung der Erlebnisse.

Mich treibt dabei die Frage um, wie wir es schaffen, dass Männer, aber auch Frauen, von sich aus die Grenzen des anderen respektieren. Wer hat nicht schon einmal im Eifer des Gefechts versucht, auf die eine oder andere Weise seinen oder ihren Willen gegen den Widerstand des oder der anderen durchzusetzen? Womöglich fühlt man sich sogar im Recht. „Ich habe gerade Lust und dafür ist doch mein Mann oder meine Frau zuständig.“ Nein!“ Ist er oder sie eben nicht. Wir sind für uns selber verantwortlich und müssen die sexuelle Selbstbestimmung des anderen respektieren. Und zwar immer. Egal, ob der oder die andere gestern oder eben gerade noch wollte. Egal, ob ich nur ein bisschen Liebe will oder harten Sex. Egal, ob er oder sie mittendrin nicht mehr will. Denn ja, wir dürfen unsere Meinung ändern! Und wenn wir uns unsicher sind, können wir nachfragen.

 

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