Archiv der Kategorie: Nachruf auf Erika Berger

„Hallo, hier ist Erika Berger. Wer spricht?“ Ein Nachruf

Die ganz Großen sterben gerade wie die Fliegen. Und so manch einer hat sich schon gefragt, welche Art Band da oben wohl gerade zusammengestellt wird: Lemmy Kilmister, David Bowie, Prince, Roger Cicero. Welche Musik soll denn da bitteschön herauskommen? Und bevor nun auch die entsprechenden Damen Aufnahme in der Himmelsband finden – und über kurz oder lang wird es dazu kommen -, hat sich am vergangenen Sonntag jemand gedacht, da holen wir uns doch erst einmal die Erika. Sex & Drugs & Rock’n Roll, heißt es doch schließlich. Und diese Dame wird denen schon zeigen, wo es lang geht. So wie sie es mit den Deutschen ab 1987 in ihrer Show „Eine Chance für die Liebe“ getan hat. Denn während Prince mit seinen sexuell mehr oder weniger deutlich angehauchten Texten meine jugendliche Fantasie beflügelt hat, sprach Erika Berger als erste öffentlich über die Themen Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Damit kann man heute ja kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Damals aber war das unglaublich! JEDER kannte diesen Namen!

Dr. Sommer für die Erwachsenen

Plötzlich war sie da, eine Journalistin, die ungezwungen über alles plauderte und die Dinge beim Namen nannte. Penis, Vagina! Diese Worte wurden ja noch nicht einmal zuhause ausgesprochen, geschweige denn im Fernsehen. Die 80er waren die Zeit der Neuen Deutschen Welle, der Atomkraft und der düsteren Zukunftsprognosen. Sex war kein öffentliches Thema. Wir Pubertierenden rannten jeden Donnerstag zum Kiosk, um uns die Bravo zu kaufen. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt natürlich der Dr. Sommer-Beratung. Wo sonst sollten wir alle die Informationen herbekommen, die uns so brennend interessierten? Sexualpädagogik gab es nicht, in der Schule gab es mit Glück ein paar biologische Grundlagen. Und von unseren Eltern? Die hatten ja zumeist selber keine Ahnung. Schon deshalb war Erika Berger ein wahrer Segen.

Sie war der Dr. Sommer der Erwachsenen. Man muss sich das einmal so vorstellen: Erika Bergers Zielgruppe, die Generation der damals Erwachsenen, die Nachkriegsgeneration, kannte in den meisten Fällen überhaupt keine Aufklärung. Das Thema wurde totgeschwiegen. Es gab keine Gespräche, in denen Kinder und Jugendliche an die großen Themen der Liebe herangeführt wurden. Nicht wenige Mädchen gerieten deshalb in Panik, wenn die erste Regel einsetzte. „Nun bist du eine Frau“, war oft alles, was den Müttern über die Lippen kam. Kein Wunder, dass auch Erika Berger selbst als junges Mädchen nach dem ersten Kuss befürchtete, nun schwanger zu sein. Man redete einfach nicht darüber. Als Erika Berger auf Sendung ging, hatte sie Zuschauer, deren Sexualität überwiegend schambesetzt war, besonders die der Frauen. Sex vor der Ehe war in dieser Generation nicht üblich, Schwangerschaften vor der Ehe noch verheerend. Es gab keinen Austausch, wie das bei anderen Paaren lief. Man konnte nicht mal eben im Internet nach Erektionsproblemen oder Lustlosigkeit suchen. Jeder versuchte, für sich allein klarzukommen. Und plötzlich gab es da ein Ventil namens Erika Berger. Plötzlich konnte alles angesprochen und ausgesprochen werden.

Die drei großen deutschen Aufklärer

Für mich sind es vor allem drei Personen, die in Deutschland den Umgang mit Sexualität nachhaltig veränderten: In der Nachkriegszeit verbreitete Beate Uhse mit ihrer Schrift X die natürlichen Methoden der Schwangerschaftsverhütung und verkaufte später als Erste deutschlandweit Kondome. Heute unvorstellbar, hatten die Menschen in der prüden Zeit der Adenauer-Ära, auch erotische Eiszeit genannt, keine Ahnung von Verhütung. Oswald Kolle schrieb ab den 1960er Jahren Aufklärungstexte und –bücher und drehte ab 1968 die ersten legendären Aufklärungsfilme. Auch seinen Namen kannte damals jeder Deutsche. Zuletzt widmete sich Kolle dem bis heute tabuisierten Thema Sexualität im Alter. Ich selber blicke auf ein interessantes persönliches Treffen bei einem seiner dazugehörigen Vorträge hier in Hamburg zurück. Ja, und dann war da eben auch Erika Berger, die als erste im öffentlichen Rundfunk über alle diese Themen sprach. Auch sie habe ich noch vor zwei Jahren bei einer Veranstaltung getroffen. Wenn wir also heute auf unseren Umgang mit Sexualität blicken, sollten wir dabei immer im Hinterkopf haben, dass der Weg zu so viel Freizügigkeit hart und steinig war. Und es ist so wunderbar, dass heute ganz viele Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen und in unterschiedlicher Form aufklären wollen und dürfen!

Das Foto habe ich gemacht, als ich sie vor drei Jahren auf einer Messe zum Thema Ü 50 traf.

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