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Bin ich pervers?

„Ich bin pervers!“ „Du bist pervers!“ „Wir sind pervers!“ Früher wurde alles als pervers bezeichnet, was nicht der „normalen“ Sexualität entsprach: Gleichgeschlechtliche Liebe, Oralverkehr, Masturbation, Fetischismus jeglicher Art, Transvestitismus, Voyeurismus, sadomasochistische Neigungen. Das Bild hat sich gewandelt. Homosexualität ist (zumindest in Deutschland) heute längst aus dem Katalog der psychischen Krankheiten gestrichen, SM-Praktiken gelten fast schon als Mainstream und auch die Vorliebe für Lack und Leder spiegelt sich in der Mode wieder. Was also ist wirklich noch pervers?

Wissenschaftlich betrachtet

Der Begriff der Perversion ist heute offiziell längst abgelöst. Exhibitionismus, Fetischismus, Pädophilie, Transvestitismus, Voyeurismus, Frotteurismus, sexueller Masochismus und sexueller Sadismus finden sich im ICD-10 (dem internationalen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation) unter der Bezeichnung „Störung der Sexualpräferenz“ und im DSM-IV-TR (dem nationalen Klassifikationssystem der USA) als „Paraphilie“ wieder. Aber nicht jeder, der Lust hat, sich anderen zu zeigen, andere zu beobachten oder sich Frauenkleider anzuziehen, ist gleich paraphil. Und auch hier gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wer keinen Leidensdruck empfindet und mit seiner Neigung im Einklang ist, wer dabei niemanden verletzt und sich strafbar macht, hat sozusagen kein Problem. Und so wird auch darüber diskutiert, Sadismus und Masochismus aus den Klassifikationen zu streichen.

Laut dem Kieler Sexualmediziner Hartmut Bosinski handelt es sich bei einer Paraphilie um „intensive, sexuell erregende Fantasien oder dranghafte sexuelle Verhaltensweisen, die sich entweder auf nichtmenschliche Objekte wie Strümpfe oder Tiere, auf Kinder oder auf bestimmte Praktiken, wie das Erleiden oder Zufügen von Schmerzen, beziehen“. Laut der Definition muss dieses Begehren länger als sechs Monate anhalten oder in Phasen immer wiederkehren. Zur Verdeutlichung brachte Prof. Bosinski damals während meines Studiums an der Uni Kiel einen jungen Mann mit einem ausgeprägten Fetischismus mit in den gut gefüllten Hörsaal. Sehr eindrucksvoll und auch respektvoll wurde uns Studenten die ungeheure Triebkraft einer solchen sexuellen Präferenzstörung deutlich gemacht. Denn dabei geht es eben nicht um ein bisschen Spaß, sondern darum, getrieben zu sein, nicht auf das Objekt der Begierde verzichten zu können. Beim sexuellen Erleben steht nicht mehr die Person im Vordergrund sondern der Stimulus. Die Neigung ist nicht in die Persönlichkeit eines Menschen integriert und darunter leidet er.

Bei vielen Paraphilien dreht es sich auch nicht nur um einen Gegenstand sondern um ganz bestimmte festgelegt Handlungsabläufe. Aus Sicht der Psychoanalyse drückt sich in diesen Handlungen ein Grundkonflikt des Betroffenen aus. Dieser werde inszeniert, verschlüsselt dargestellt und scheinbar gelöst, so der Sexualforscher Gunter Schmidt. Paraphilien werden übrigens nur selten bei Frauen beobachtet. Aber wie versuchen Frauen dann, diese Grundkonflikte zu lösen? Der Sexualwissenschaftler Klaus Michael Beier von der Berliner Charité hat dazu das Konzept der Reproversion entwickelt. Vereinfacht gesagt: Was sich bei Männern auf der Lustebene abspielt, verlagert sich bei Frauen auf die Fortpflanzung. Hier finden wir nicht bemerkte Schwangerschaften, eine unkontrollierte Menge an Kindern, Kindstötungen. Immer wieder wird von solchen Fällen in den Medien berichtet.

Die Perversion im Alltag

Mit den neuen Begrifflichkeiten verliert das ursprüngliche Verständnis von der Perversion ein wenig von ebendieser ungeheuren Triebkraft. In der Umgangssprache hingegen gibt es die Perversion ganz eindeutig noch. Und sie ist hoch emotional gefärbt. Wenn wir ausrufen „Das ist ja pervers!“ ist das selten objektiv gemeint und hat schon gar keinen Zusammenhang zu den oben erwähnten Klassifikationen. Wir verbinden damit ein Gefühl. Und Gefühle sind immer subjektiv. Wenn wir also etwas für pervers befinden, kann das Empören bedeuten. Wie kann jemand das nur machen? Wir weisen es mit diesem Ausruf weit von uns. Mit uns hat das nichts zu tun, wir sind anders. Das sind die Bösen, wir sind die Guten. Es kann aber auch bedeuten, dass wir das Geschehen unter dem Deckmantel der Empörung höchst spannend finden. „Was, er versohlt ihr den Hintern, bis er knallrot ist? Das ist ja pervers“ Oh mein Gott! Wir drücken Empörung aus, während gleichzeitig das Blut in unsere Genitalien schießt. Jeder von uns hat etwas, auf das er oder sie speziell abfährt. Pervers bedeutet auch Tabu und Geheimnis. Und nichts ist so spannend wie das Verbotene. Wenn ihr euch das nächste Mal fragt, ob ihr oder jemand anders pervers ist, dann überlegt euch ganz genau, welche Gefühle ihr dabei habt. Fragt euch vor allem auch, ob jemand anders genötigt, missbraucht oder auf irgendeine andere Art verletzt wird. Und schaut nach, ob der Gegenstand oder die Handlung im Vordergrund stehen oder doch die geliebte Person.

 

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