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Rettet Fremdgehen die Beziehung?

Mein Bruder ist ein feiner Kerl. Ehrlich, freundlich und weitestgehend vorurteilsfrei. Und weil ich seinen gesunden Menschenverstand so schätze, habe ich ihn neulich gefragt, was er denn vom Fremdgehen hält. Ohne nachzudenken sagte er geradeheraus: „Nein, damit könnte ich nicht leben. Ich könnte meiner Frau nie wieder in die Augen blicken.“ Das ist doch einmal eine klare Ansage. Kein „Naja, wenn es nur ein einziges Mal wäre“ oder „Wenn sie mich immer wieder abweist, hole ich mir das eben woanders“, kein „Abwechslung muss sein“, „Gelegenheit macht Diebe“ oder ähnliches, womit so mancher sein Verhalten erklärt. Für meinen Bruder ist es ganz klar eine Frage des Gewissens und nicht der Lust. Aber was ist es nur, das Treue für die einen zur Ehrensache und für die anderen zur Last macht?

Zahlen, Daten Fakten

Verlässliche Zahlen gibt es tatsächlich keine. Wie auch, ist doch Fremdgehen für jeden etwas anderes. Für die einen beginnt es beim Küssen oder beim Fummeln und bei anderen erst beim Geschlechtsverkehr. Oder beim Besuch im Swingerclub, wenn der Partner nichts davon weiß. Und so mancher flippt aus, wenn er merkt, dass da jemand anders für intime Gespräche zuständig ist. Das tut weh und verletzt. Wenn man sich die Medien ansieht, scheint Fremdgehen jedoch populär zu sein. Je nach Umfrage haben bis zu 60% Prozent ihren Partner schon einmal betrogen. Das hört sich dramatisch an. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass gern danach gefragt wird, ob man schon jemals betrogen hat. Je älter der Befragte, desto eher die Wahrscheinlichkeit, auf ein Ja zu stoßen. Dagegen steht, dass 90% der in einer Studie der Uni Hamburg Befragten sich Treue wünschten. Die Jüngeren waren in dieser Hinsicht übrigens besonders streng. Im statistischen Mittel haben fest liierte Großstädter am Ende alle 13 Jahre eine meist kurzfristige Affäre. Das hört sich doch schon viel weniger dramatisch an. Statistiken haben es eben an sich, dass Zahlen so oder so interpretiert werden können, je nachdem, wie man fragt und welche Botschaft man transportieren möchte.

Auf der Suche nach den Ursachen

Darf man fremdgehen? Zerstört es die Beziehung oder rettet es sie gar? Darüber zerbrechen sich die Gelehrten die Köpfe. Evolutionsforscher gehen der Frage auf den Grund, indem sie herauszufinden versuchen, was denn der Rest der Tierwelt macht. Tja, da gibt es Tiere wie die niedlichen Schimpansen, die notorisch fremdgehen und Tiere wie Gibbons und die meisten Vogelarten, die notorisch treu sind. Hilft nicht wirklich weiter. „Früher waren die Menschen Sammler und Jäger“ ist eine andere Herangehensweise. Ich möchte aber mal behaupten, dass wir mehr sind als die Summe unserer Gene und im Gegensatz zum Tierreich auch mit einem Gewissen ausgestattet sind. Es gibt ganz einfach kein Fremdgeh-Gen, das erklärt, warum manche Menschen ihre Partner betrügen und andere treu bleiben. Und selbst wenn es eines gäbe, wäre diese Existenz keine Rechtfertigung, denn Gene haben nun einmal die Eigenschaft, auf Umwelteinflüsse zu reagieren und sich an- oder auszuschalten.

Es gibt ganz klar gesellschaftliche, kulturelle und psychologische Einflüsse, die sich auf das Sexualverhalten auswirken. Wenn ich sowieso schon immer denke, dass ich zu kurz komme, ist die Wahrscheinlichkeit, mir das zu holen, was mir zuzustehen scheint, mit Sicherheit größer. Wenn ich in einem Umfeld aufwachse, wo es mit Treue und Ehrlichkeit nicht so genau genommen wird, scheint mir das Betrügen vielleicht gar nicht so schlimm zu sein. Wenn es in der Gesellschaft, in der ich lebe, dazu gehört, Liebhaber oder Liebhaberinnen zu haben, ist es ganz normal, wenn ich das auch mache. Und wer seine Impulse ohnehin nicht gut unter Kontrolle hat, wird nur schwer Nein sagen können, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ethnologen behaupten, dass es in ganz Afrika keine Ethnie gibt, bei der monogam gelebt wird. So mancher sagt, ohne Sex könne er oder sie nicht leben. Auch da sind wir alle ganz unterschiedlich. Das erinnert mich an ein Gespräch mit einem Berliner Taxifahrer. Der erzählte mir, dass seine Frau schon als junges Mädchen zwangsverheiratet und von ihrem viel älteren Mann aufs Schlimmste vergewaltigt worden sei. Sex sei deshalb bis heute nicht möglich. Auf meine Frage, ob er sie trotzdem liebe und zu ihr stehe, bekam der Mann glänzende Augen und sagte „Oh ja!“. Das Gespräch hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube nicht, dass er seine Bedürfnisse woanders auslebt.

Es gibt keine einfache Ja/Nein-Lösung

Natürlich gibt es Menschen, die sich ihrer selbst und der Beziehung so sicher sind, dass Außenbeziehungen erlaubt sind. Dann ist das auch kein Betrügen. Aber ganz ehrlich, die meisten von uns sind doch nicht so souverän. Viel zu schnell sind da Eifersucht und die Unsicherheit, ob der Partner auch tatsächlich wieder nach Hause kommt. Fremdgehen rettet nicht die Beziehung. Für die allermeisten Menschen ist und bleibt es ein Vertrauensbruch. Auch wenn wir mit steigender Lebenserfahrung Selbstvertrauen gewinnen und besser damit umgehen können. Ich halte nichts davon, über das Smartphone herauszufinden, wo sich der Partner oft aufhält. Das schürt nur das offensichtlich sowieso schon vorhandene Misstrauen und führt schnell zu Missverständnissen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Sex nicht die Basis einer Beziehung bildet. Wenn man sich trennt, mag fehlender oder schlechter Sex eine Ausrede sein. Am Ende steckt aber meist viel mehr dahinter.

 

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