Die Suche nach der Weltformel

Fremdgehen oder nicht? Was ist normal? Das war die Frage, um die es in dem Interview mit dem Titel „Erotischer Analphabetismus“ in der letzten Ausgabe der Welt am Sonntag ging. Meine erste Assoziation war „Ja, schicken wir die Deutschen doch mal alle in Liebesschulen“. Schaden würde das sicher nicht, aber darum ging es gar nicht. Ein Philosophieprofessor und eine Autorin – beide Verfechter offener Beziehungen – diskutieren darüber, ob man für den Erhalt langjähriger Partnerschaften fremdgehen sollte und vor allem, ob man dies dem Partner mitteilen solle oder lieber nicht.

Die Maus als Vorbild menschlichen Sexualverhaltens

Nun lehne ich ja per se schon mal alles ab, von dem andere sagen, man müsse das doch so oder so machen. Und so dauerte es keine zehn Zeilen, bis sich mein Widerstand rege regte. “Die Präriewühlmaus lebt monogam. Menschen nicht“, so die Aussage des Professors. Die Präriewühlmaus? Was hat bitteschön eine Maus mit meinem Liebesleben zu tun? In seinem Buch „Mach mir die Wüstenwühlmaus“ (noch eine Maus, ich komme langsam durcheinander) nimmt Andrew G. Marshall die lebenslange Monogamie dieser Mausart als Aufhänger für seine These, dass guter Sex die Liebe erhält. Dagegen spricht für mich erst einmal nichts, abgesehen von der Frage, woher der Autor weiß, dass diese Mäuse ein rundum befriedigendes Sexualleben haben und wie sich dieses dann auf menschliche Paare übertragen lässt. Wiesenwühlmäuse (noch eine weitere Maussorte) hingegen seien hedonistische Sexmonster, die von einem Partner zum nächsten springen.

Welcher tierische Maßstab ist denn nun der Richtige?

Wundert sich eigentlich noch jemand außer mir, dass bei Mäusen nach Parallelen und Erklärungen für unser Liebesleben gesucht wird? Dahinter steckt der Wunsch, auf diese Weise die ultimative Lösung für die sexuellen Probleme unserer Gesellschaft zu finden. Wenn die Tiere das schon so machen, dann könnte das für uns auch der richtige Weg sein. Das wäre dann sozusagen die Weltformel für sexuelles Verhalten. Wir sind aber mehr als die Summe unserer Gene und angeborenen Verhaltensweisen. Wir haben eine Kultur, eine Gesellschaft und deren Normen und Werte lassen sich nicht mehr wegevolutionieren.

Schauen wir doch mal zu den Primaten in Sachen vorzeitigem Samenerguss. Schimpansen haben eine durchschnittliche Verweildauer in der Vagina von 7 (sieben!) Sekunden, bevor sie ejakulieren. Dagegen sind die 60 Sekunden, die 80% der Männer mit lebenslangem vorzeitigem Samenerguss zur Verfügung haben, ja schon reiner Wahnsinn! Orang Utans hingegen haben 10,7 Minuten Zeit bis zur Ejakulation – das sind knapp 4 Minuten mehr als der Geschlechtsverkehr-Durchschnitt bei uns Menschen. Wen nehmen wir denn jetzt als Vorbild? Schimpanse oder Orang Utan?! Die tun es übrigens gern in aller Öffentlichkeit. Das kennen wir ja aus dem Zoo. Erstaunlicherweise kommt da kein Forscher und sagt „Los, Leute, raus auf die Straße, raus in den Park! Tun wir es in aller Öffentlichkeit, denn das ist normales Sexualverhalten!“ Wäre ich Evolutionsbiologin, würde ich das vielleicht mal versuchen. Bin ich aber nicht.

Fremdgehen oder nicht ist eine Frage der persönlichen Einstellung

Es klingt vielleicht überheblich, aber ich halte meine Persönlichkeit für differenzierter und komplexer als die von Primaten und vor allem Wühlmäusen jeglicher Couleur. Auch wenn Jane Goodall da vielleicht etwas anderes behaupten mag. Und ich finde es als Sexualberaterin auch nicht ok, meine persönlichen Überzeugungen anderen aufzudrücken. Alle unsere Bedürfnisse sind nun mal unterschiedlich ausgeprägt und wie wir mit ihnen umgehen, ist ebenfalls höchst individuell. Ich habe eine Freundin, die auf kulinarische Genüsse soweit verzichten kann, bis sie ihre perfekte Bikini-Figur erreicht hat. Was nebenbei bemerkt, gar nicht nötig ist. Ich wiederum bekomme schon Heißhunger auf alles Süße, wenn ich nur das Wort Diät denke und bin dann ab sofort allen Gelüsten vollkommen widerstandslos ausgeliefert. Und so mag es manchem gehen, der bei der kleinsten Andeutung von Bindung nicht anders kann, als sofort an Sex mit dem gesamten Umfeld zu denken.

Wenn ich selbstbewusst, ausgeglichen und mir meines Partners sicher bin, kann ich Untreue sicherlich besser verkraften als in einer Beziehung, in der kein Gleichgewicht herrscht. Dann kann ich vielleicht sogar polyamor leben, also mehrere Partner gleichzeitig lieben. Wenn ich Sex jedoch nur als Lustgewinn betrachte oder als Bestätigung meiner eigenen Attraktivität, kann das Fremdgehen meinen Partner zutiefst verletzen. Denn dann scheint er ja nicht auszureichen. Für viele Menschen kommt Untreue auch aus religiösen Gründen gar nicht in Frage und tun sie es doch, können sie daran verzweifeln. Und ob man mit dem Partner darüber sprechen sollte oder nicht – dafür gibt es kein Patentrezept. Jeder muss seinen eigenen Weg für sich und für die Beziehung finden. Das kann uns der Blick ins Tierreich nicht abnehmen.

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